Monday, 28. August 2006

Die Schatzsucher

Lieber Charles ..., so wenig ich Sie kannte, als ich noch jung war, Sie aber schon dem Grabe zuwankten, fängt man doch wohl deshalb, weil derjenige, den Sie damals sicher für einen unbedeutenden jungen Toren hielten, Sie zum Helden seiner Romane auserkoren hat, jetzt wieder von Ihnen zu reden an, und nur daraufhin werden Sie vielleicht weiterleben. Wenn man Sie sich auf dem Gemälde von Tissot, wo Sie zwischen Galliffet, Edmond de Polignac und Saint-Maurice auf dem Balkon stehen, zeigt und viel von Ihnen spricht, so deshalb, weil man bemerkt hat, dass einige Züge von Ihnen in die Persönlichkeit von Charles Swann eingegangen sind!
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3016f

Der nächste väterliche Gigant -- ich muss zugeben, ich hatte ihn fast vergessen, nachdem von seiner Krankheit die Rede gewesen war -- ist von dieser Welt gegangen. Weitaus faszinierender ist aber wohl, dass er tatsächlich einmal gelebt hat.

Zuerst dachte ich, die obige Bemerkung mit dem Gemälde sei vielleicht reine Fiktion und es gäbe überhaupt keinen Tissot. Tatsächlich gab es ihn aber, und er ist ein -- wenn auch nur wenig bekannter -- französischer Maler.

Eines seiner Gemälde zeigt auch tatsächlich Herren "auf dem Balkon": Le Balcon du Cercle de la rue Royale. Und einer davon, welcher, weiß ich leider nicht zu sagen, ist ein gewisser Charles Haas, über den es leider nur eine französische Wikipedia-Seite gibt.

Obwohl ich kein Französisch verstehe, scheint Charles Haas sehr gut zu passen in die Figur des Swann. Allein schon sein Geburtsjahr machen ihn zu einem möglichen väterlichen, fast großväterlichen Freund des Autors.

Oh, und natürlich tut Proust da etwas, das ein Autor normalerweise nicht machen würde, wenn er diese Zeilen schreibt, über Dinge, die normalerweise hinter dem Vorhang verborgen bleiben. Wie immer.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht... vielleicht ist das alles nichts Neues für Sie. Aber ich habe mich ein bisschen wie ein Schatzsucher gefühlt, als ich das Bild von Tissot entdeckt habe --
My dear Charles ----, whom I used to know when I was still so young and you were nearing your grave, it is because he whom you must have regarded as a little fool has made you the hero of one of his volumes that people are beginning to speak of you again and that your name will perhaps live. If in Tissot’s picture representing the balcony of the Rue Royale club, where you figure with Galliffet, Edmond Polignac and Saint-Maurice, people are always drawing attention to yourself, it is because they know that there are some traces of you in the character of Swann.
-- The Captive

The next fatherly giant -- and I must admit I had almost forgotten him after we had heard from his disease -- has left the world. Much more fascinating is it, though, that he in fact has lived once.

My first thought was, that the notion about the painting might be pure fiction and that the painter Tissot might not even exist. In fact, he does. Tissot is a -- not very well-known, thought -- French painter.

One of his paintings really shows gentlemen "on a balcony": Le Balcon du Cercle de la rue Royale. One of them, which I admit I cannot say, is Charles Haas, about whom there's only a French entry on Wikipedia.

Now although I don't understand any French, Charles Haas seems to fit very well into what we know about Swann. His year of birth already makes him a possible fatherly, nearly grandfatherly friend of the author.

Oh, and of course Proust does something an author normally wouldn't do when he writes these lines about things that usually stay behind the curtain. As always.

I don't know how you feel... maybe that's nothing new for you. But I did feel like a treasure hunter a bit when I found that Tissot painting --

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