Monday, 18. September 2006

Impression, étoile levant

Ein längerer Ausschnitt, aber lesen Sie weiter, es lohnt sich (versprochen! besonders der letzte Teil enthält eines der schönsten Proust-Zitate überhaupt)...

Aber werden dann diese Elemente, dieser wirklich vorhandene Bodensatz, den jeder notgedrungen bei sich behalten muss, da er im Gespräch von Freund zu Freund, vom Schüler zum Meister, vom Liebenden zur Geliebten sogar nicht mitgeteilt werden kann - wird dieses Unaussagbare, das jeweils gerade dem seine besondere Nuancierung verleiht, was jeder von uns empfindet, aber dennoch auf der Schwelle der Äußerungen zurücklassen muss, durch welche er mit anderen nur insoweit in Beziehung zu treten vermag, als er sich auf äußere, allen gemeinsam zugängliche, bedeutungslose Dinge beschränkt, nicht erst durch die Kunst zutage gefördert - die eines Vinteuil ebensogut wie die eines Elstir - sobald diese in den Farben des Spektrums die innere Struktur jener Welten nach außen hin sichtbar macht, die wir als Individuen bezeichnen und die wir ohne die Kunst nie kennenlernen würden? Flügel und eine von der unseren verschiedene Art von Atmungsapparat, die uns erlauben würden, den unendlichen Raum zu durchmessen, würden uns nichts nützen, denn wenn wir Mars oder Venus besuchten und doch die gleichen Sinne behielten, so würden diese alles, was wir sehen könnten, mit dem gleichen Aspekt umkleiden wie die Dinge der Erde. Die einzig wahre Reise, der einzige Jungbrunnen wäre für uns, wenn wir nicht neue Landschaften aufsuchten, sondern andere Augen hätten, das All mit den Augen eines anderen, von hundert anderen betrachten, die hundert verschiedenen Welten sehen könnten, die jeder einzelne sieht, die jeder von ihnen ist; das aber vermögen wir mit einem Elstir, mit einem Vinteuil und allen, die ihresgleichen sind, wir fliegen dann wirklich von Stern zu Stern.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3095f

Stellen Sie diese Passage neben eine Monet-Sonderausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart (die ich vorigen Samstag das Glück hatte zu besuchen). Treten Sie einige Schritte zurück. Was für eine Wirkung!

Mit den Bildern von Monet ging es mit tatsächlich zum ersten Male so, wie Proust hier die Wirkung von Vinteuils Septett beschreibt: sie lassen den Betrachter die Welt mit anderen Augen sehen.

Monet malt ganz alltägliche Szenen: Landschaften, Gärten -- viele davon dutzende Male bei verschiedenem Licht und aus verschiedenen Perspektiven. Das wirklich Spannende daran ist seine Art die Dinge zu sehen und zu malen: die Gegenstände verschwimmen darin zu reinem Eindruck, zu reinen Farben, zu reinem Licht. Die einzelnen Objekte spielen kaum eine Rolle, sie sind dem Gesamteindruck untergeordnet. Sehen Sie sich nur einmal dieses Bild aus der Staatsgalerie an uns lassen Sie es auf sich wirken. Die Blätter der Bäume sind hier mit einem dunkelblauen Schatten durchsetzt - nicht, weil ein Baum je auch nur für einen Moment dunkelblau wäre, sondern weil der Gesamteindruck von sich vor einem blauen Himmel drehenden Blättern ein Dunkelblau ergibt. Oder sehen Sie diese junge Dame, bei der Kleid wie Schleier mit den Wolken zu einer Einheit verschmelzen.

Ich muss zugeben: ich sehe die Dinge normalerweise nicht so. Ein Baum ist grün, und ein Kleid ist ein Kleid. Durch Monets Bilder, zu deren Bedeutung in Prousts Werk auch eine PDF-Datei hier erhältlich ist, wird es aber möglich, die Welt ein wenig durch des Malers Augen zu sehen -- zauberhaft.

Tatsächlich vereint die obige Passage außerdem diese und jene zu einer Gesamtdarstellung des Themas Individualität / subjektive Weltwahrnehmung / Kunst.

Und sie bleibt eine der zauberhaftesten Stellen des impressionistischen Romans überhaupt.
It's a lengthy excerpt, but don't hesitate: read on, it's worth it (I promise! especially the last part has one of the most beautiful Proust quotes ever)...

But is it not the fact then that from those elements, all the real residuum which we are obliged to keep to ourselves, which cannot be transmitted in talk, even by friend to friend, by master to disciple, by lover to mistress, that ineffable something which makes a difference in quality between what each of us has felt and what he is obliged to leave behind at the threshold of the phrases in which he can communicate with his fellows only by limiting himself to external points common to us all and of no interest, art, the art of a Vinteuil like that of an Elstir, makes the man himself apparent, rendering externally visible in the colours of the spectrum that intimate composition of those worlds which we call individual persons and which, without the aid of art, we should never know? A pair of wings, a different mode of breathing, which would enable us to traverse infinite space, would in no way help us, for, if we visited Mars or Venus keeping the same senses, they would clothe in the same aspect as the things of the earth everything that we should be capable of seeing. The only true voyage of discovery, the only fountain of Eternal Youth, would be not to visit strange lands but to possess other eyes, to behold the universe through the eyes of another, of a hundred others, to behold the hundred universes that each of them beholds, that each of them is; and this we can contrive with an Elstir, with a Vinteuil; with men like these we do really fly from star to star.
-- The Captive

Put this passage next to a Monet exhibition at Staatsgalerie Stuttgart (which I was happy enough to visit last Saturday). Step back. What an effect!

With Monet's paintings for the first time I actually felt the way Proust here describes the effect of Vinteuil's Septett: they let the contemplator see the world with different eyes.

Monet paintings are quite banal: landscapes, gardens -- many of them a dozen times with different light of different perspectives. What is really interesting about them is his way of seeing and painting things: objects become indistinct into pure impression, pure color, pure light. The individual object rarely does play any role, it is subordinate to the overall impression. Just have a look at this painting from Staatsgalerie and let it sink in. The leaves of the trees are pervaded by a dark blue shadow - not because any tree ever really was dark blue for a second, but because the overall impression a tree with leaves turning in front of the blue sky is dark blue. Or take a look at this young Lady, whose dress and veil merge with the clouds to what we could call an integrative impression.

I must admit: usually I don't see things this way. A tree's green and a dress is just a dress. But Monet's paintings make it possible to see the world with the artist's eyes -- plain magic.

As a matter of fact, the passage combines this one and that one to an overall view of the theme individuality / subjective world view / art.

And it remains one of the most magical moments of impressionist literature.

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