Tuesday, 27. March 2007

Bildnisproblematik

Leute zum Beispiel, die den Krieg von 1870 erlebt haben, berichten, dass ihnen die Vorstellung des Krieges schließlich ganz natürlich geworden war [...]. Damit sie sich aber wieder bewusst wurden, was für ein seltsames und bedeutungsvolles Phänomen ein Krieg sei, musste irgend etwas sie aus dem Zustand des ständigen Druckes dieser Vorstellung herausreißen, so dass sie die Tatsache des Krieges einen Augenblick vergaßen und sich wieder wie in Friedenszeiten fühlten bis zu dem Augenblick, wo sich auf dieser unbeschriebenen Fläche [...] die grauenhafte Wirklichkeit [...] von neuem abzeichnete.
-- Die Entflohene, Bd. 9/10, S. 3470

Einige Seiten vorher formuliert Proust diesen Gedanken noch prägnanter: Ein Bericht von den Umtrieben Albertines berührt ihn immer weniger, "weil wir immer nur wirklich kennen, was neu ist" (S. 3462).

Das ist gewiss eine eher ungewöhnliche Ansicht, schließlich gehen wir gemeinhin davon aus, wir kennten gerade die neuen Dinge noch nicht und lernten sie dann mit der Zeit besser kennen.
Prousts Sichtweise besticht dadurch, dass sie wirklich subjektiv ist, dass sie berücksichtigt, wie unsere Erinnerungen und die vielen Konnotationen, die sie einer Sache hinzufügen, ihren wahren Charakter mehr und mehr durch das ersetzen, was wir uns von ihnen für ein Bild machen. Das erinnert sehr an Max Frischs Bildnisproblematik, ist nur (zu Recht?) noch ein Stück auswegloser formuliert.

Ist Kennenlernen möglich? Für Proust wird was er kennenlernt schließlich unkenntlich.

People who were alive during the war of 1870, for instance, say that the idea of war ended by seeming to them natural [...]. And in order to understand how strange and important a fact war is, it was necessary that, some other thing tearing them from their permanent obsession, they should forget for a moment that war was being waged, should find themselves once again as they had been in a state of peace, until all of a sudden upon the momentary blank there stood out at length distinct the monstrous reality [...].
-- The Fugitive


A few pages before that quote, Proust puts it more briefly: A report of Albertine's 'activities' with a group of women is gradually moving him less and less, "because we really know only what is novel".

This certainly is a rather unusual opinion, in fact we normally agree that we don't really know things that are new to us, but get to know them as time goes by. Proust's view is fascinating,
because it captures the subjectivity of our knowledge, it takes into account how our memories and the numerous connotations they add to the object of knowledge, gradually replace its real nature by a picture that we make of it. That strongly reminds of Max Frisch's 'Bildnisproblematik', yet is (rightfully?) put even more pessimistically.

So can we get to know anything? For Proust, what he learns to recognize, is in the end beyond recognition.

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