Sunday, 6. January 2008

Auftauchen des reitenden Boten

Marcel denkt nach auf dem Weg zur Soiree und alles scheint ihm sinnlos geworden zu sein - die Literatur, seine geistigen Bemühungen, alle Freuden, kurzum: das Leben. Da... (und ich verspreche Ihnen, Sie werden es nicht bereuen, den folgenden längeren Abschnitt zu lesen):

In dem Augenblick aber, in dem uns alles verloren scheint, erreicht uns zuweilen die Stimme, die uns retten kann; man hat an alle Pforten geklopft, die auf gar nichts führen, vor der einzigen aber, durch die man eintreten kann, und die man vergeblich hundert Jahre lang hätte suchen können, steht man, ohne es zu wissen, und sie tut sich auf.

Als ich die traurigen Gedanken, von denen ich eben sprach, noch in mir bewegte, war ich in den Hof des Guermantesschen Palais eingetreten und hatte in meiner Zerstreuung nicht bemerkt, dass ein Wagen sich näherte; beim Anruf des Chauffeurs hatte ich nur gerade noch Zeit, rasch auf die Seite zu springen. Ich wich so weit zurück, dass ich unwillkürlich auf die schlecht behauenen Pflastersteine trat, hinter denen eine Remise lag. In dem Augenblick aber, als ich wieder Halt fand und meinen Fuß auf einen Stein setzte, der etwas höher war als der vorherige, schwand meine ganze Mutlosigkeit vor der gleichen Beseligung dahin, die mir zu verschiedenen Epochen meines Lebens einmal der Anblick von Bäumen geschenkt hatte, die ich auf einer Wagenfahrt in der Nähe von Balbec wiederzuerkennen gemeint hatte, ein andermal der Anblick der Kirchtürme von Martinville oder der Geschmack einer Madeleine, die in einen Teeaufguss eingetaucht war [...]. Wie in dem Augenblick, in dem ich die Madeleine gekostet hatte, waren alle Sorgen um meine Zukunft, alle Zweifel meines Verstandes zerstreut. Die Bedenken, die mich eben noch wegen der Realität meiner literarischen Begabung, ja der Literatur selbst befallen hatten, waren wie durch Zauberschlag behoben. Ohne dass ich irgendeine neue Überlegung angestellt oder irgendein entscheidendes Argument gefunden hätte, hatten die soeben noch unlösbaren Schwierigkeiten alles Gewicht verloren. Diesmal aber war ich fest entschlossen, mich nicht damit abzufinden, dass ich nie das "Weshalb" kennen würde, wie ich es an jenem Tag getan hatte, an dem ich die in Tee getauchte Madeleine auf der Zunge verspürte. Die Beseligung, die ich eben empfunden hatte, war tatsächlich ganz die gleiche wie diejenige, die ich beim Geschmack der Madeleine gefühlt und deren tiefe Gründe zu suchen ich damals aufgeschoben hatte. Der auf das Gegenständliche beschränkte Unterschied lag in den Bildern, die dadurch heraufbeschworen wurden; ein tiefes Azurblau berauschte meine Augen, Eindrücke von Kühle, von blendendem Licht wirbelten um mich her, und in meinem Verlangen, sie zu erfassen, ohne dass ich deswegen eher mich zu rühren wagte als damals, da ich den Geschmack der Madeleine wahrnahm und versuchte, bis zu mir vordringen zu lassen, was er mir ins Gedächtnis rief, blieb ich ohne Rücksicht darauf, ob ich die zahlreich versammelte Schar der Chauffeure zum Lachen reizte, in schwankender Haltung stehen, wie ich es eben schon getan hatte, während mein einer Fuß auf dem hohen Pflasterstein, der andere auf dem niedrigen ruhte. Sooft ich nur rein materiell dieses gleiche Auf- und Abtreten vollzog, blieb es ergebnislos für mich; sobald es mir aber gelang, die Matinee bei den Guermantes zu vergessen und wiederzufinden, was ich empfunden hatte, als ich in dieser Weise meine Füße aufsetzte, war mir von neuem die undeutlich aufblendende Vision ganz nahe und schien zu mir zu sagen: "Hasche mich, wenn du die Kraft in dir hast, und versuche das Rätsel des Glücks, das ich dir aufgebe, zu lösen." Fast gleich darauf erkannte ich sie: er war Venedig, [...] eine Empfindung, wie ich sie einst auf zwei ungleichen Bodenplatten im Baptisterium von San Marco gehabt hatte.

-- Die wiedergefundene Zeit, Bd. 3/3, S. 3954ff

Falls Sie die vorangegangenen 3944 Seiten tatsächlich gelesen haben, und falls nicht kann ich das Ihnen an dieser Stelle nur nochmals wärmstens empfehlen, dann versetzt Sie diese Passage und das meiste des Folgenden vermutlich ebenso in eine kaum in Worte zu fassende Hochstimmung. Ernsthaft, das ist hier kein Feuilleton-Blah.

In diesem Moment, da ich sie abtippe, kann ich schon nicht mehr ganz nachvollziehen, wie oft ich diese Passage nun schon gelesen, vor mich hingesprochen, vorgelesen, durchblättert habe. Und das Gefühl kommt immer wieder auf. Ich würde gerne noch länger zitieren, am besten die nächsten zehn Seiten oder so, aber Sie wissen schon, Copyright; und ich bin ja auch keine Marathon-Schreibkraft; und ich wüsste auch ehrlich gesagt bislang gar noch nicht recht, wo aufhören. Ich schätze, Sie bekommen bald noch mehr zu lesen, wenn Marcel seine Empfindungen näher untersucht.

Es ist schon wahr, die reitenden Boten des Königs kommen sehr selten. Aber dieser hier, das können Sie mir glauben, hat es in sich.
Marcel thinks about life, the universe and everything on his way to the soiree, end all of the above seems to be devoid of sense - literature, his own attempts to intellectual achievement, pleasures, in short: life is senseless. Until... (and I promise, you won't regret reading the following lengthy passage):

But sometimes illumination comes to our rescue at the very moment when all seems lost; we have knocked at every door and they open on nothing until, at last, we stumble unconsciously against the only one through which we can enter the kingdom we have sought in vain a hundred years—and it opens.

Reviewing the painful reflections of which I have just been speaking, I had entered the courtyard of the Guermantes’ mansion and in my distraction I had not noticed an approaching carriage; at the call of the link-man I had barely time to draw quickly to one side, and in stepping backwards I stumbled against some unevenly placed paving stones behind which there was a coach-house. As I recovered myself, one of my feet stepped on a flagstone lower than the one next it. In that instant all my discouragement disappeared and I was possessed by the same felicity which at different moments of my life had given me the view of trees which seemed familiar to me during the drive round Balbec, the view of the belfries of Martinville, the savour of the madeleine dipped in my tea and so many other sensations of which I have spoken [...]. As at the moment when I tasted the madeleine, all my apprehensions about the future, all my intellectual doubts, were dissipated. Those doubts which had assailed me just before, regarding the reality of my literary gifts and even regarding the reality of literature itself were dispersed as though by magic. This time I vowed that I should not resign myself to ignoring why, without any fresh reasoning, without any definite hypothesis, the insoluble difficulties of the previous instant had lost all importance as was the case when I tasted the madeleine. The felicity which I now experienced was undoubtedly the same as that I felt when I ate the madeleine, the cause of which I had then postponed seeking. There was a purely material difference in the images evoked. A deep azure intoxicated my eyes, a feeling of freshness, of dazzling light enveloped me and in my desire to capture the sensation, just as I had not dared to move when I tasted the madeleine because of trying to conjure back that of which it reminded me, I stood, doubtless an object of ridicule to the link-men, repeating the movement of a moment since, one foot upon the higher flagstone, the other on the lower one. Merely repeating the movement was useless; but if, oblivious of the Guermantes’ reception, I succeeded in recapturing the sensation which accompanied the movement, again the intoxicating and elusive vision softly pervaded me as though it said “Grasp me as I float by you, if you can, and try to solve the enigma of happiness I offer you.” And then, all at once, I recognised that Venice which my descriptive efforts and pretended snapshots of memory had failed to recall; the sensation I had once felt on two uneven slabs in the Baptistry of St. Mark had been given back to me and was linked with all the other sensations of that and other days which had lingered expectant in their place among the series of forgotten years from which a sudden chance had imperiously called them forth.

-- Time regained

In case you have read the previous 3954 pages (and in case you haven't I can only recommend it as recommend can), this passage and most of what follows will probably have put you in a kind of elation that's hard to frame in words. Seriously, this is no feuilleton-speak.

At this very moment that I'm typing the passage into my computer (yes, Germans are not yet endowed with a public domain translation) I can't even remember how often I have read, re-read, read aloud or scanned through these pages. And the feeling keeps on coming again and again. I would love to quote even longer, possibly the next ten pages or so, but you know, this a only a blog and not an e-book after all. Plus I wouldn't yet know where to stop. So I guess you'll have more to read in the near future, when Marcel analyses his sensation.

Brecht is certainly right, messengers on horsebacks are rare, too rare, but this one, I promise, beats them all.

Saturday, 5. January 2008

Schlüsselstelle

Als ich an der Ecke der Rue Royale anlangte, an der früher unter freiem Himmel der Händler mit den bei Francoise so beliebten Photographien gestanden hatte, schien es mir, als könne der Wagen unter dem Zwang von hunderten in gleicher Weise vorgenommenen früheren Wendungen gar nichts anderes tun, als von selbst um die Ecke zu biegen. Ich durchmaß nicht die gleichen Straßen wie die Spaziergänger, die an diesem Tage sich im Freien ergingen, sondern eine gleitende, traurige, weiche Vergangenheit. Diese bestand im Übrigen aus so vielen verschiedenen Vergangenheiten, dass es schwierig für mich war, den Grund meiner Schwermut zu begreifen [...].
-- Die wiedergefundene Zeit, Bd. 3/3, S. 3933

Marcel, wenn wir ihn so nennen mögen, ist gerade zum zweiten Male aus dem Sanatorium nach Paris zurückgekehrt, da er hier auf der Suche nach einer verlorenen Zeit die Straßen durchschreitet.

Sind Sie schon einmal durch einen Ort gegangen (bei mir war es ein ziemliches Kuhdorf, aber eine Stadt tut's bestimmt auch), aus dem Sie schon seit vielen Jahren fortgezogen sind? Es ist vielleicht nicht ganz richtig, die Erinnerungen, die sich in einem dabei auftun, unwillkürlich zu nennen, denn wir sind ja schließlich doch recht willkürlich in den Ort der Vergangenheit zurückgekehrt. Aber diese Wiederauferstehung einer vergangenen Gefühlswelt, die wir dabei vielleicht einmal für Momente erleben dürfen, ist wohl genau das, was unser Autor unter einer solchen unwillkürlichen Erinnerung versteht.

Und ob sie's glauben oder nicht, als ich an meiner ehemaligen Wohnung vorbeilief, steckte in der Tür der Schlüssel...
When I reached the corner of the rue Royale where formerly an open-air street-seller used to display the photographs beloved of Françoise, it seemed to me that the carriage accustomed in the course of years to turning there hundreds of times was compelled to turn of itself. I was not traversing the same streets as those who were passing by, I was gliding through a sweet and melancholy past composed of so many different pasts that it was difficult for me to identify the cause of my melancholy.
-- Time regained

Marcel, if that's how we are to call him, has returned from the sanatorium for the second time and is wandering through the streets of Paris in search of a time lost.

Have you ever tried walking through a village (in my case, it was a real Podunk, but I guess a larger city does the trick just as well), from which you had moved away many years ago? Maybe it's not quite correct to call the memories that you get while doing that involuntary, because, after all, we have come back to the place quite voluntarily, actually. But this resurrection of a past emotional experience, which might occur to us for a moment, is probably exacly what the author means when he speaks of involuntary memories.

And believe it or not, when I walked past the appartment I had formerly lived in, the key was in the lock...

Wednesday, 2. January 2008

Larivière

In diesem Buche, in dem keine einzige Tatsache berichtet wird, die nicht erfunden ist, in dem es keine einzige Gestalt gibt, hinter der sich eine wirkliche Person verbirgt, in dem alles und jedes je nach Maßgabe dessen, was ich demonstrieren will, von mir erdacht worden ist, muss ich zum Preise meines Landes sagen, dass die Millionärsverwandten unserer Françoise, die ihre Zurückgezogenheit aufgegeben hatten, um ihrer schutzlosen Nichte zu helfen, die einzigen Personen sind, die tatsächlich existieren. Überzeugt davon, dass sie in ihrer Bescheidenheit nicht daran Anstoß nehmen werden, und zwar aus dem Grunde, weil sie dieses Buch niemals lesen werden, zeichne ich hier mit einem kindlichen Vergnügen und von tiefer Rührung bewegt, da ich ja nicht die Namen der vielen anderen zitieren kann, die ebenso gehandelt haben und dank denen Frankreich weiterexistiert, ihren wirklichen Namen auf, den übrigens echt französischen Namen Larivière.
-- Die wiedergefundene Zeit, Bd. 3/3, S. 3915f

Muss schon ein ganz angenehmes Gefühl sein, so in dem Roman schlechthin genannt zu werden, und dann auch noch mit so überschwänglichem Lob. Die Larivières hatten als Caféhausbesitzer ihr Vermögen gemacht und sich dann, millionenschwer, zur Ruhe gesetzt. Ihr Neffe hatte, wohl vom großen Erfolg seiner Verwandten ermutigt, mit seiner Ehefrau ebenfalls ein kleines Caféhaus eröffnet - bis der Erste Weltkrieg ihm von der Kaffeemühle in die Schützengräben trieb, wo er schließlich fiel. Was sollte also seine junge Frau nun tun?

Nun, zum Glück war ihr die Unterstützung ihrer angeheirateten Verwandten sicher, die, ungeachtet ihres fortgeschrittenen Alters und ihrer gesellschaftlichen Stellung, über drei Jahre unbezahlt in dem kleinen Caféhaus als Tellerwäscher (oder besser: Tassenwäscher) aushalfen.

Zumindest einen Eintrag in einem Blog des frühen 21. Jahrhunderts wäre das ja sicher wert gewesen. Ansonsten, falls Sie gerade an dem neuen Roman schlechthin schreiben, nähme ich Angebote als Aushilfe in Ihrem Caféhaus, insbesondere per e-mail und in Verbindung mit einem sicheren Millionenvermögen, gerne entgegen.

Und wenige Zeilen später, das sei hier noch etwas unpietistisch angefügt, wird uns die Nachricht vom Tode unseres langjährigen Freundes Robert de Saint-Loup bekanntgegeben.

Er war sicher sehr schön gewesen in seinen letzten Stunden. Er, der in diesem Leben [...] immer den Schwung des Angriffs in sich zu tragen schien, war endlich wirklich zum Angriff übergegangen.
In this book in which there is not a single event which is not fictitious, in which there is not a single personage "a clef", where I have invented everything to suit the requirements of my presentation, I must, in homage to my country, mention as personages who did exist in real life, these millionaire relations of Françoise who left their retirement to help their bereaved niece. And, persuaded that their modesty will not be offended for the excellent reason that they will never read this book, it is with childlike pleasure and deeply moved, that, unable to give the names of so many others who acted similarly and, thanks to whom France has survived, I here transcribe their name, a very French one, Larivière.
-- Time regained

Must be a jolly good feeling, to be reffered to in the novel per se, and even with this kind of appraisal. The Larivières had made a fortune as coffeehouse owners and then, with many millions, retired. Their nephew had, possibly encouraged by the success of his relatives, also opened a small coffeehouse with his wife - until the outbreak of the First World War lead him from the coffee grinder to the trench, where he eventually died. So what was his young wife to do?

Well, fortunately she could take her husband's relatives' support for granted, who, despite their advanced age and social position and without being paid, helped her, working as dishwashers (or rather: cup-washers) in the little coffeehouse for three years.

At least an entry in a blog in early 21st century that would certainly have been worth. Otherwise, in case you're currently working on the new novel per se, I would be happy to accept job offers in your coffehouse, especially via e-mail and in connection with a nice and safe fortune.

And shortly after this episode, it should be added despite its being rather sad, we are informed of the death of our old friend Robert de Saint-Loup.

He must have been very beautiful in those last hours, he who in this life had seemed always [...] to contain within himself the dash of a charge and to disguise smilingly the indomitable will-power centred in his triangle-shaped head when he charged for the last time.

Tuesday, 1. January 2008

Love is blind

Wir befinden uns unter den Gästen aus Jupiens Hotel, dem manifestierten Sündenpfuhl, die sich während des Bombenalarms im Weltkrieg in den Untergrund der Pariser U-Bahn zurückziehen, wo in der Dunkelheit ihre Spiele nicht weniger interessant zu sein scheinen...

Findet man aber Verständnis, so erweckt in uns die unmittelbare Antwort des Körpers, der sich nicht zurückzieht, sondern annähert, die Vorstellung, dass die, an die wir uns schweigend wenden, vorurteilsfrei und eher lasterhaften Neigungen unterworfen sind, eine Vorstellung, die eine Vermehrung des Glückes bedeutet, ohne weiteres die Frucht genießen zu können, ohne sie zuvor mit den Augen zu begehren und um Erlaubnis zu bitten. Die Dunkelheit dauert indessen an.
-- Die wiedergefundene Zeit, Bd. 3/3, S. 3900

Verglichen mit dem harmlos-langweiligen MTV Love is blind oder den weniger auf Gegenseitigkeit beruhenden Grabschern in der Tokioter U-Bahn ist das, was die Herrschaften aus Jupiens eigens für Charlus und seine Neigungen eingerichtetem Hotel in der Pariser Metro und auch sonst so treiben aber sicherlich eine weniger stille Beschäftigung. Weiter enthalte ich mich jeden Kommentars...
We're among the guests of Jupien's hotel, the manifest Gomorrah, retreating to the Métro passages of Paris, way down, where the darkness doesn't seem to make their little games any less interesting...

Then there is the excuse of the darkness itself and of the mistakes it engenders if a bad reception is met with, but if on the contrary, there is the immediate response of a body which, instead of withdrawing, comes closer, the inference that the woman or the man approached is equally licentious and vicious, adds the additional thrill of being able to bite into the fruit without lusting after it with the eyes and without asking permission. And still the darkness continued.
-- Time regained

Compared to the harmless-boring MTV Love is blind or the less mutual Tokyo subway groopers what the gentlemen from the hotel Jupien has opened especially for Charlus and his tendencies are doing here in the Metro or elsewhere, is certainly a less silent business. And I do refrain from any further comment...

Monday, 31. December 2007

Deadline

Da meine Trägheit mir die Gewohnheit mitgeteilt hatte, meine Arbeit immer von einem Tag auf den folgenden zu verschieben, stellte ich mir zweifellos vor, es könne mit dem Tode ebenso sein. Warum sollte man Angst vor einer Kanone haben, die, wie man überzeugt ist, an diesem gleichen Tage einen nicht treffen wird?
--Die wiedergefundene Zeit, Bd.3/3, S.3853

Ich weiß nicht, wie es mit Ihnen ist, aber ich bin auch so ein großer Hinausschieber. Und jetzt, wo das Jahr zu Ende geht und ich Ihnen natürlich allen einen guten Rutsch uns so weiter und so fort wünsche, sollte man sich vielleicht vornehmen, nicht wahr, mit dieser unguten Angewohnheit doch einmal aufzuräumen.

Andererseits, es ist ja nicht nur der Tod, den das Aufschieben für den einzelnen Tag erträglich macht. Mit der Arbeit ist es doch oft nicht viel anders. Wenn ich mir so überlege, was ich eigentlich alles machen müsste, gemacht haben müsste, machen haben müssen werde... eigentlich ist das ja nur mit einer gesunden Portion Aufschieberei zu überstehen.

Ich schlage also folgenden Kompromiss vor: wir nehmen uns einfach vor, zum nächsten Jahreswechsel dem Aufschieben abzuschwören.
Having got into the habit, through idleness, of postponing my work from day to day, I doubtless supposed death might deal in the same way with me. How could one be afraid of a shell which you are convinced will not strike you that day?
--Time regained

Now I don't know about you, but I also abandon myself to procrastination time and again. And now, that the year comes to an end and I of course wish you all a Happy New Year and so on and so forth it might seem fair to come to the New Year's resolution of, well, stopping that habit once and for all.

On the other hand, it's not only death (and death would already be bad enough) witch is made bearable on the individual day by our constant procrastination tactics. Work, I suppose, is not so much a different matter here. If I only start to think about what I actually should do, should have done, or will have had to have done (if this is a correct tense) some day... in fact, procrastination might be the only means of ever being able to bear that burden.

So what I propose is the following compromise: we all decide to make stopping procrastination our next year's New Year's resolution...

Thursday, 27. December 2007

Alles ist relativ

Da Madame Verdurin an Migräne litt, weil sie morgens keine Hörnchen mehr in ihren Milchkaffee tauchen konnte, hatte sie schließlich von Cottard ein Attest erlangt, das ihr gestattete, aus einem bestimmten Restaurant [...] solche kommen zu lassen. [...] Ihr erstes Hörnchen nahm sie an dem Morgen wieder zu sich, an dem die Zeitungen über den Untergang der "Lusitania" berichteten. Während sie nun das Hörnchen in den Milchkaffee tauchte und ihrer Zeitung leichte Stupse gab, damit sie sie aufgeschlagen halten konnte, ohne zum Umblättern die mit dem Eintauchen beschäftigte Hand zu benutzen, sagte sie: "Wie grauenhaft! Das ist ja fürchterlicher als die entsetzlichsten Tragödien." Aber der Tod aller dieser Ertrunkenen musste ihr wohl doch auf ein Milliardstel seiner Größe reduziert erscheinen, denn während sie mit vollem Mund diese trostlosen Überlegungen anstellte, war der Ausdruck, der auf ihrem Gesicht lag und wahrscheinlich durch den Wohlgeschmack des Gebäcks darauf hervorgerufen wurde, das ihr so unschätzbare Dienste bei ihrer Migräne leistete, eher der eines sanften Behagens.
--Die wiedergefundene Zeit, Bd. 3/3, S. 3811

Nicht dass zumindest Cottards Attest hier ein unerwartetes Nachleben erlebt (vgl. voriger Eintrag) ist bemerkenswert, vielmehr ist es die Beobachtung, dass es der Padrona schließlich trotz der Katastrophe im sowieso schon sehr beileidsintensiven Weltkrieg nicht gelingt, ihre Befriedigung ob des Croissants zurückzuhalten.

Aber ist es nicht wirklich so? Seien wir mal ehrlich. Kommen Sie umhin, auch nach den fürchterlichsten Nachrichten schließlich doch einer ganz gegenläufig munteren Bewegung Ihres Geistes folgen zu müssen? Ich glaube nicht, dass Sie sich ernsthaft dafür schämen müssten. Schließlich leben wir in einem ständigen Gleichgewicht der Regungen, und wenn es schon so etwas wie ein großes, andauerndes Glück nicht zu geben scheint, wie sollte dann ein Mitleid eine so absolute Dimension haben können? Außer in einem sehr deprimierten Universum vielleicht.

Ich jedenfalls muss zugeben, dass es nur sehr wenige Dinge gibt, die mich hinreichend beschäftigen, um nachhaltig gegen ein wirklich gutes Hörnchen ankommen zu können... und vielleicht ist das ja auch ganz gut so.
Mme Verdurin, who suffered from headaches on account of being unable to get croissants to dip into her coffee, had obtained an order from Cottard which enabled her to have them made in the restaurant mentioned earlier. [...] She started her first croissant again on the morning the papers an-announced the wreck of the Lusitania. Dipping it into her coffee, she arranged her newspaper so that it would stay open without her having to deprive her other hand of its function of dipping, and exclaimed with horror, “How awful! It’s more frightful than the most terrible tragedies.” But those drowning people must have seemed to her reduced a thousand-fold, for, while she indulged in these saddening reflections, she was filling her mouth and the expression on her face, induced, one supposes, by the savour of the croissant, precious remedy for her headache, was rather that of placid satisfaction.
--Time regained

Not only that Cottards order sees an unexpected after-life here (see previous entry) is remarkable, rather it is the observation of the padrona's being unable to hold back her satisfaction due to the croissant despite this major catastrophe in the condolence-intensified times of the World War.

But isn't this actually the case? Let's be honest for a minute. Can you avoid having to follow an opposite movement of happiness in your mind even after receiving the most horrible news? I do not think you would have to be seriously ashamed of that. After all, we seem to live in a steady equilibrium of emotions and if something like great, constant happiness does not exist, then why should compassion and sadness have such absolute dimensions? Well, maybe except for in a very depressed universe.

I, for one, have to admit that there are very little things that occupy me sufficiently in order to keep beating a truly good piece of croissant... and maybe we should be very happy about that.

Wednesday, 26. December 2007

Abschied

Cottard starb bald darauf - "das Antlitz dem Feinde zugewandt", sagten die Zeitungen, obwohl er niemals aus Paris herausgekommen war, vielmehr in Wirklichkeit sich in Anbetracht seines hohen Alters überanstrengt hatte, bald übrigens gefolgt von Monsieur Verdurin, dessen Tod einen einzigen Menschen betrübte, nämlich - wer hätte das gedacht? - Elstir.
--Die wiedergefundene Zeit, Bd. 3/3, S. 3807

Für unseren armen Doktor ist es ja nicht der erste Tod, den er da stirbt, aber sicher doch etwas tragisch und gewöhnungsbedürftig, er wird uns wohl fehlen in der großen Gala der Romanfiguren, die uns noch bevorsteht. Und der gute Verdurin, an den mir auf 3807 Seiten keine besonders glänzenden Erinnerungen entstanden sind, für ihn ist der Tod zwar ein Novum, die Wiederauferstehung dadurch aber nicht eben wahrscheinlicher (eher habe ich für Cottard noch Hoffnung...). Immerhin lebt Elstir noch, den ich kurzzeitig mit dem dahingeschiedenen Bergotte verwechselt hatte.

Und so ist das Jahresende, das bevorstehende, doch immer auch außer einem Neuanfang, einem dem ein Zauber innewohnt, ein Abschied. Bald, so hoffe ich, werde ich auch die Recherche durchlesen haben und kann nicht mehr auf die Frage "was liest du denn gerade?" mit einem leichten Seufzer und ausufernden Handbewegungen antworten. Aber so ist das nun mal, das soll uns nicht davon abschrecken, mit großen Schritten weiter einer berüchtigten Abendgesellschaft entgegenzueilen.
Cottard died “with his face to the enemy” the papers said, though he had never left Paris; the fact was he had been overworked for his time of life and he was followed shortly afterwards by M. Verdurin, whose death caused sorrow to one person only—would one believe it?—Elstir.
--Time regained

For the poor professor this isn't even his first death, but still, I guess, is quite tragic and needs some getting used to. We'll probably be missing him for the great gala to come. Our old friend Verdurin, which hasn't left too many all-too-bright memories over the last 3807 pages for me, suffers from death for the first time in his life, but that doesn't make resurrection any more likely, I fear (I rather have some hope for Cottard...). At least Elstir's alive though not too well, whom I had temporarily confused with his passed-away fellow artist Bergotte.

And so the New Year's Eve ahead is apart from this magical new beginning just as much a kind of farewell. Soon, I should hope, I will have read through the whole of the Recherche and will no longer be able to reply to the question "what book do you currently read?" by casting a sigh and waving my hands in overflowing gestures. But that's just the way it is, it shall not keep us from further hastening towards the infamous soiree...

Tuesday, 25. December 2007

Höhe 307

Bei seiner zweiten Rückkehr nach Paris erhält Marcel einen Brief seiner Jugendliebe Gilberte, die von ihrer Zeit im während des Ersten Weltkriegs von den Deutschen belagerten Tansonville schreibt:

Die Schlacht bei Méséglise hat mehr als acht Monate gewährt, die Deutschen haben dort mehr als sechshunderttausend Mann verloren, sie haben Méséglise zuerstört, aber nicht eingenommen. Der kleine Weg, den Sie so sehr liebten und den wir damals Weißdornweg nannten - Sie behaupteten damals, in der Kindheit hätten Sie sich dort in mich verliebt, während ich Ihnen doch unbedingt versichern kann, dass ich in Sie verliebt gewesen bin - hat eine so große Bedeutung erlangt, wie ich Ihnen gar nicht sagen kann; das riesige Kornfeld, an das er stößt, ist die berühmte Höhe 307, deren Namen Sie immer wieder im Tagesbefehl finden konnten. Die Franzosen haben die kleine Brücke über die Vivonne gesprengt, die, wie Sie sagten, Sie nicht ganz so sehr in Ihre Kindheit zurückgeführt hat, wie Sie es sich wünschten.
-- Die wiedergefundene Zeit, Bd. 3/3, S. 3787f

Was ich zu diesem Abschnitt bemerken will ist nicht die Wandlung in Gilbertes Beschreibung ihres Aufbruchs aus Paris, der Proust an dieser Stelle wichtig ist, sondern der klare geografische Bezug, den der Autor hier schafft. Eine Höhe 307 gab es nämlich tatsächlich, und sie war im Ersten Weltkrieg aufgrund ihrer strategischen Bedeutung in der Schlacht von Verdun lange Zeit umkämpft. Tausende Soldaten mussten Sterben an diesem kleinen Hügel, nördlich des kleinen Ortes Ornes:
Größere Kartenansicht

Fast kann man die romantische Vivonne sich durch das Kornfeld schlängeln sehen. Nur zu traurig, dass der Ort durch eine so furchtbare Tragödie zu zweifelhaftem Ruhm gelangen musste.
Shortly after his second return to Paris, Marcel receives a letter from his early love Gilberte, who writes about her time in Tansonville under siege during WWI:

The Battle of Méséglise lasted more than eight months, the Germans lost more than one hundred thousand men there, they destroyed Méséglise but they have not taken it. The little road you so loved, the one we called the stiff hawthorn climb, where you professed to be in love with me when you were a child, when all the time I was in love with you, I cannot tell you how important that position is. The great wheatfield in which it ended is the famous ‘slope 307’ the name you have so often seen recorded in the communiqués. The French blew up the little bridge over the Vivonne which, you remember, did not bring back your childhood to you as much as you would have liked.
-- Time regained

The point I'd like to make here is not so much the difference in Gilberte's description of her departure from Paris, which seems to be of importance to Proust, but the clear geographic description the author here gives. There actually is a 'slope 307' and there were heavy battles for it during the war due to its high strategic importance. Thousands of soldiers had to die on this slope, north of the little village Ornes in the vicinity of Verdun (see map above).

You can nearly see the romantic river of Vivonne meander through the wheatfield. Too bad the place had to come to doubtable glory due to such a horrible tragedy.

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