Tuesday, 15. August 2006

There are only middles

Leider verhält es sich mit dem Beginn einer Lüge unserer Geliebten wie mit den Anfängen unserer eigenen Liebe oder einer Berufung. Sie entstehen, sie wachsen an, doch entgehen sie unserer Aufmerksamkeit. Will man sich erinnern, auf welche Weise man angefangen hat, eine Frau zu lieben, so liebt man sie bereits.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 2953

Ein äußerst philosophischer Gedanke, besonders gegen Ende des Zitates. Robert Frost hat das einst so ausgedrückt in einem Gespräch zweier Eheleute, gerade eingezogen in einem neuen Haus, die sich fragen, wessen Idee der Umzug eigentlich gewesen sei:

                                        "My dear,
It's who first thought the thought. 
      You're searching, Joe,
For things that don't exist; I mean beginnings.
Ends and beginnings - there are no such things.
There are only middles."
                      "What is this?"
                                   "This life?
Our sitting here by lantern-light together
Amid the wreckage of a former home?
You won't deny the lantern isn't new.
The stove is not, and you are not to me,
Nor I to you."
               "Perhaps you never were?"
-- In the Home Stretch, Mountain Interval, Robert Frost, 1916


Gibt es also je etwas wie einen Anfang, der nicht durch die Perspektive einer schon längst begonnenen, erlebten Realität verfälscht wird? Scheinbar nicht. Was aber ist der Anfang dann?

Er ist ungreifbar! Proust hat das erkannt, genau wie Frost. Es gibt kaum so etwas zauberhaft fragiles wie einen Anfang --
The first stages of falsehood on the part of our mistress are like the first stages of our own love, or of a religious vocation. They take shape, accumulate, pass, without our paying them any attention. When we wish to remember in what manner we began to love a woman, we are already in love with her;
-- The Captive


An utmost philosophical thought, especially the end of the quote. Robert Frost has once expressed the same idea in a conversation between a husband and wife who, after having just moved into a new house, wonder whose idea the move had actually been. You can see his interpretation of the question in the excerpt from "In the Home Stretch" above.

So is there such a thing as a beginning that is not falsified by seeing it from the perspective of an already begun, experienced reality? Apparently not. But what is a beginning then?

It is intangible! Proust has recognized that, as has Frost. There barely is a thing so magically fragile as a beginning --

Memories

Das Gedächtnis ist eben weit weniger eine unseren Blicken immer gegenwärtige Kopie der verschiedenen Fakten unseres Lebens, als vielmehr ein Nichts, aus dem sekundenlang eine momentane Ähnlichkeit uns in einer Art von Auferstehung tote Erinnerungen heraufzuholen erlaubt.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 2943f

Ein weiterer Ausschnitt, den ich nach längerer Pause beim Lesen fand und bemerkenswert finde. Auch hier scheint wieder der Weg hin zur "unwillkürlichen Erinnerung" klar.

Das Gedächtnis, wenngleich keine genaue Kopie der Realität, hat hier nichtsdestoweniger eine ganz beachtliche Rolle: man möchte fast meinen, es sei das eigentliche Jüngste Gericht. Nicht nur, dass es gleichsam über Leben und Tod einer vergangenen, erinnerten Zeit entscheidet -- die Erinnerung versetzt uns als ganzen Mensch zurück in jenen längst vergangenen Zustand (und wäre das nicht möglich, könnten wir dann diese Vergangenheit überhaupt zu unserem Leben zählen?). Wenn auch nur für Sekunden, so ist das Gedächtnis somit doch ein retrospektiver Zaubertrank und ein identitätsgebendes Phänomen zugleich. Dem spricht auch die Unvollkommenheit der Erinnerung nicht entgegen, höchstens lässt sie uns an der Möglichkeit von wahrer Retrospektive und Identität zweifeln.
Memory, instead of being a duplicate always present before our eyes of the various events of our life, is rather an abyss from which at odd moments a chance resemblance enables us to draw up, restored to life, dead impressions.
-- The Captive

Another memorable extract I found when I continued reading after a longer break. Again, the way to a concept of "involuntary memory" seems paved.

Memory, although not an exact copy of reality, still has a remarkable role here: one is close to believing it is the Last Judgement. Not only does it decide over life and death of a past and remembered time -- memory puts us as an integrated being back into that long-forgotten state of affairs (and if this was not possible, could we then consider that past a part of out life at all?). Even if only for seconds, this makes memory a kind of magic retrospective potion and a source of identity at the same time. Its imperfection does not speak against this, yet it may make us doubt the possibility of real retrospective and identity.

Sisyphe

Die Neugier der Liebe gleicht der, die Ortsnamen in uns wecken: obwohl sie immer enttäuscht wird, wächst sie unaufhörlich, unersättlich nach.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 2939

Ein ganzes Kapitel, so erinnert der Leser sich, war einst den Ortsnamen gewidmet. Mich hatte der Titel in der Kapitelübersicht damals ehrlich gesagt fast überrascht -- was könnte Spannendes an so etwas Unscheinbarem zu finden sein?

Jetzt scheint der Bogen ebenso weit gespannt, wie die hier aneinandergefügten Fragmente des Romans im Bücherregal auseinanderliegen: es ist eine fast absurde Geisteshaltung, die beiden Faszinationen zugrunde liegt, der der Liebe wie der der nie betretenen Orte.

Sollen wir uns also darüber beklagen, dass die Neugier unstillbar immer weiter von Ort zu Ort, von Begebenheit zu Begebenheit springt? Ist es nicht vielmehr ein Grundprinzip des Lebens, die unerfüllte (und unerfüllbare) Sehnsucht als immer neuen Antrieb zuzulassen?
Amorous curiosity is like that which is aroused in us by the names of places; perpetually disappointed, it revives and remains for ever insatiable.
-- The Captive

A whole chapter, so the reader remembers, was once dedicated to the names of places. Frankly speaking, I was quite surprised when I saw that title in the list of chapters back then -- what could be interesting about something so
unimpressive?

Now we can see a connection as wide as the two fragments of the novel connected here are standing apart on the bookshelf: it's an almost absurd state of mind that is the reason for both fascinations -- the fascination of love as of unseen places.

Yet shall we mourn that curiosity is unappeasably racing from one place and one suspicion to the other? Isn't it rather a basic principle of life to accept the insatiate (and insatiable) longing as an everlasting stimulus?

Friday, 14. April 2006

Traumzeit

So bleibt die Welt des Wachseins [der des Schlafes] doch darin überlegen, dass sie jeden Morgen eine Fortsetzung finden kann, nicht aber allabendlich der Traum. [...]
Diese aber erfolgt nicht gleich. Noch dazu verläuft die plötzliche Rückkehr des Gedächtnisses nicht immer so einfach. Oft hat man in jenen ersten Minuten, in denen man sich ins Erwachen gleiten lässt, eine Mehrheit von Wahrheiten vor sich und glaubt, man könne sich eine davon herausziehen wie ein Blatt aus einem Kartenspiel.

-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 2912f

Zwei altbekannte Motive werden in dieser längeren Passage über das Erwachen aufgegriffen und verknüpft: das des Schlafes und das der Erinnerung.

Noch immer ist Marcel jeden Morgen aufs Neue verwundert davon, dass die Identität, die er mit dem Aufwachen wieder annimmt, stets die selbe ist. Schon früher hatte er sich gefragt, warum dies so sei. Hier ist es erstmals die Erinnerung, deren Fehlen beim Erwachen die Unsicherheit der Identität verursacht -- es ist also auch die Erinnerung, die wieder dafür sorgt, dass wir nach dem Aufstehen in die Welt zurückkehren als der, der sie am Abend zuvor in den Schlaf hinein verlassen hat.

Die Verknüpfung, die hiermit zwischen Erinnerung und Identität geschaffen ist, wird für den Erzähler -- das weiß man selbst beim ersten Lesen einzuschätzen -- in der Suche nach seinem Selbst vermutlich entscheidend sein. Für alle anderen bleibt der unbegreifliche Wandel zwischen den so verschiedenen Menschen, deren Identität wir nachts wie tags in ständigem Wechsel anzunehmen scheinen, ein Problem der Relativität: was ist es, das uns ermöglicht, einen jener vielen, die wir wechselnd sind, anzuerkennen als unser eines wahres Ich?
The waking life does still retain the superiority, inasmuch as it is possible to continue it every morning, whereas it is not possible to continue the dream life every night. [...]
However, the instantaneous gift of memory is not always so simple. Often we have before us, in those first minutes in which we allow ourself to slip into the waking state, a truth composed of different realities among which we imagine that we can choose, as among a pack of cards.

-- The Captive

Two well known motifs are repeated and combined in this longer passage: the sleep motif and the memory motif.

Marcel is still astonished every morning that the identity he picks up in the process of waking up is always the same. Earlier, he had already wondered why this should be so. Here, for the first time, it's the lack of memory during awakening that causes the uncertainty of identity -- it is therefore also memory that makes us enter the world in the morning as the very person that had left it into sleep the night before.

The connection between memory and identity that is hereby created will be vital for the narrator in his quest for identity -- this you may guess even in the first reading. The problem left for us, the incomprehensible alteration between the different persons, whose identity we seem to take in the day and in the night, is a problem of relativity: what is it, that enables us to accept one of those many identities we alternatingly take as our one true self?

Tuesday, 11. April 2006

Janus

Wie vielen Menschen gegenüber habe ich mich nicht fälschlich bezichtigt, nur damit meine Erfolge ihnen desto unmoralischer schienen und sie in stille Wut versetzten! Was eigentlich not täte, wäre, den umgekehrten Weg einzuschlagen und ohne Stolz zu zeigen, dass man gute Gefühle hat, anstatt sie bewusst zu verstecken. Es wäre ganz leicht, wenn man die Kunst verstände, nie zu hassen, sondern immer nur zu lieben.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 2896

Marcel musste entdecken, wie widersprüchlich nicht nur die Menschen um ihn, sondern auch er selbst ist. Zu dem empfindlichen Jungen, der sich ohne seine Mutter in den Schlaf weinte ist ein durchtriebener junger Mann getreten, der nicht nur geschickt das Leben Albertines zu kontrollieren versucht, sondern auch geradezu absichtlich seine Freunde von den Kopf stößt.

Dabei ist er sich noch nichtsdestoweniger bewusst, wie falsch dieser zweite Marcel ist und wie er, schlechterdings wie ein erleuchteter Buddhist, diese Geisteshaltung gegen eine friedlichere, liebevollere eintauschen könnte.
To how many people have I not untruthfully slandered myself, simply in order that my ‘successes’ might seem to them immoral and make them all the more angry! The proper thing to do would be to take the opposite course, to shew without arrogance that we have generous feelings, instead of taking such pains to hide them. And it would be easy if we were able never to hate, to love all the time.
-- The Captive

Marcel had to discover the inconsistency not only in the people around him, but also in his own self. A young man, who not only cunnlingly controls Albertine's life but also deliberately shocks and mocks his friends has joined the sensitive boy that used to cry himself to sleep when his mother wasn't there.

Nevertheless he is conscious about the bogus nature of this second Marcel and how he could, essentially turned into an enlightened Buddhist, exchange this new state of mind against more peaceful and loving attitude.

Sunday, 19. March 2006

Lieben und Leiden

Woher im übrigen nimmt man den Mut zum Leben, wie kann man eine Geste machen, um sich vor dem Tod zu bewahren in einer Welt, in der die Liebe nur durch Lüge hervorgerufen wird und einzig in dem Bedürfnis besteht, unsere Leiden durch eben das Wesen gelindert zu sehen, das sie verursacht hat?
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 2874

Ist es Verbitterung, mit der der Erzähler hier seine Ansichten von der Liebe in einem Satz auf den Punkt bringt? Es ist ja fast schon Masochismus, der ihn in seiner Beziehung zu Albertine umtreibt. Und doch: einen wahren Kern kann man nicht leugnen.
Nur die Liebe ist es, die den Liebenden so verletzlich macht und ihn gleichfalls hoffen lässt, dass die unvermeidlichen Schmerzen, die ihm zugefügt werden mögen doch von ausgerechnet jeder Person, die sie zufügt, wieder geheilt werden. Dass die Liebe mehr ist als das -- armer Marcel, du konntest es nicht wissen.

Interessanterweise ist diese Passage eine, die Beckett in seinem Essay "Proust" aus dem Gedächtnis zitiert. Was für ein verlockender Gedanke für die von ihrer Liebe enttäuschten...
if it comes to that, how have we the courage to wish to live, how can we move a finger to preserve ourselves from death, in a world in which love is provoked only by falsehood, and consists merely in our need to see our sufferings appeased by the person who has made us suffer?
-- The Captive

Is it bitterness with which the narrator here summarizes his views on love? It's close to masochism what moves him in his relationship with Albertine. Still: there is an undeniable truth at the core of this matter.
Only love can make the lovers this vulnerable and let them at the same time hope that the inevitable pain to be inflicted upon them, shall be healed by the very person that has caused them. That love is more than this -- poor Marcel, you couldn't know.

Interestingly this passage is one of those Beckett quotes from memory in his essay "Proust". What a tempting thought for the love-sick...

Friday, 17. March 2006

All Revelation


Das Zögern des Erwachens offenbarte sich zwar in ihrem Schweigen, doch nicht in ihrem Blick.
Sie fand die Sprache wieder, sie sagte: 'Mein' oder 'Mein lieber', jeweils gefolgt von meinem Taufnamen, was, wenn man dem Erzähler den selben Vornamen verliehe, den der Verfasser dieses Buches trägt, ergeben hätte: 'Mein Marcel' oder 'Marcel, Liebling'.

-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 2847

Es ist bemerkenswert, wie der Autor uns über fast 3000 Seiten geradezu an der Nase herumgeführt hat. Ein Ich-Erzähler ohne Name, von niemandem je direkt angesprochen.

Und dann, zu einem Zeitpunkt, da niemand mehr damit rechnet: die Enthüllung. Gleichzeitig wird die unsichtbare Wand zwischen Fiktion und Realität durchschritten, indem der Erzähler sich seiner Funktion bewusst wird.

Was hat dies zu bedeuten? Es scheint zum einen ein deutlicher Hinweis auf die schriftellerischen Absichten des Erzählers zu sein. Oder ist es ein neuer Erzähler, der uns jetzt als Marcel begegnet, einer, den wir zum ersten Mal wirklich kennen?
The uncertainty of awakening revealed by her silence was not at all revealed in her eyes. As soon as she was able to speak she said: “My——-” or “My dearest——” followed by my Christian name, which, if we give the narrator the same name as the author of this book, would be ‘My Marcel,’ or ‘My dearest Marcel.’
-- The Captive

Remarkable, indeed, how the author has tricked us for more than 3000 pages. A first person narrator without name, never directly approached by anyone.

And here, at a time noone would honestly count on it: the revelation. At the same time, the invisible border between fiction and reality is crossed as the narrator becomes conscious of his role.

Now what does this mean? For one thing, it seems to be a clear hint at the plans of the narrator to become an author. Or is it a new narrator, which for the first time we will really get to know as 'Marcel'?

Thursday, 16. March 2006

Proust and a weblog...

Seit mehr als einem Jahr nun lese ich den großen, vielleicht den größten Roman überhaupt: Marcel Proust's "Suche nach der verlorenen Zeit".

Wer immer Sie sind: vermutlich teilen Sie die Faszination für jene Suche, die uns über 4000 Seiten fesselt -- nur um festzustellen, dass wir am liebsten wieder von Vorne anfangen würden.

Im Moment befinde ich mich irgendwo im achten von zehn Bänden, am Anfang von "Die Entflohene". Proust ist unglaublich lohnend, unglaublich anders als zu jedem anderen Buch ist die Beziehung eines Lesers, der sich mit auf diese große Suche begibt. Unglaublich schwierig ist es aber auch, die Fäden nicht zu verlieren, die in jeder Episode neu verwebt werden.

Darum also dieses Blog. Für mich, damit ich meine Fäden wiederfinde -- und für Sie als etwas andere Sekundärliteratur, als Reisebericht eines Mitsuchenden.

Bei jeder Begebenheit, die mir bedeutend scheint, werde ich meine Gedanken hier aufschreiben. Vieles wird dabei mehrsprachig sein, soweit meine Kenntnisse es zulassen. Die deutschsprachigen Zitate stammen, soweit nicht anders angegeben, aus der zehnbändigen Ausgabe von 1979 aus dem Suhrkamp-Verlag.
For more than a year I've been reading the great novel, maybe the greatest novel ever: Marcel Proust's "Search for lost time".

Whoever you are: you probably share the fascination for this search, that absorbs you for 4000 pages -- only to make you want to start it all over again.

At the moment I'm somewhere within the eighth of ten volumes, at the beginning of "The Captive". Proust is incredibly rewarding, the relation of a reader to this book is incredibly different from any other. Yet it's also incredibly difficult not to lose track of all the threads that are interwoven in each of the episodes.

This is why I run this blog. It's for me, so I can regain my threads lost -- and for you as a particularly different kind of secondary literature, the travelogue of a fellow searcher.

For every event that I find remarkable I will post my thoughts here. Much will be multilingual, as far as my language skills allow. The English quotes from the book come from the online version from The University of Adelaide (see links).

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