Monday, 18. September 2006

Impression, étoile levant

Ein längerer Ausschnitt, aber lesen Sie weiter, es lohnt sich (versprochen! besonders der letzte Teil enthält eines der schönsten Proust-Zitate überhaupt)...

Aber werden dann diese Elemente, dieser wirklich vorhandene Bodensatz, den jeder notgedrungen bei sich behalten muss, da er im Gespräch von Freund zu Freund, vom Schüler zum Meister, vom Liebenden zur Geliebten sogar nicht mitgeteilt werden kann - wird dieses Unaussagbare, das jeweils gerade dem seine besondere Nuancierung verleiht, was jeder von uns empfindet, aber dennoch auf der Schwelle der Äußerungen zurücklassen muss, durch welche er mit anderen nur insoweit in Beziehung zu treten vermag, als er sich auf äußere, allen gemeinsam zugängliche, bedeutungslose Dinge beschränkt, nicht erst durch die Kunst zutage gefördert - die eines Vinteuil ebensogut wie die eines Elstir - sobald diese in den Farben des Spektrums die innere Struktur jener Welten nach außen hin sichtbar macht, die wir als Individuen bezeichnen und die wir ohne die Kunst nie kennenlernen würden? Flügel und eine von der unseren verschiedene Art von Atmungsapparat, die uns erlauben würden, den unendlichen Raum zu durchmessen, würden uns nichts nützen, denn wenn wir Mars oder Venus besuchten und doch die gleichen Sinne behielten, so würden diese alles, was wir sehen könnten, mit dem gleichen Aspekt umkleiden wie die Dinge der Erde. Die einzig wahre Reise, der einzige Jungbrunnen wäre für uns, wenn wir nicht neue Landschaften aufsuchten, sondern andere Augen hätten, das All mit den Augen eines anderen, von hundert anderen betrachten, die hundert verschiedenen Welten sehen könnten, die jeder einzelne sieht, die jeder von ihnen ist; das aber vermögen wir mit einem Elstir, mit einem Vinteuil und allen, die ihresgleichen sind, wir fliegen dann wirklich von Stern zu Stern.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3095f

Stellen Sie diese Passage neben eine Monet-Sonderausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart (die ich vorigen Samstag das Glück hatte zu besuchen). Treten Sie einige Schritte zurück. Was für eine Wirkung!

Mit den Bildern von Monet ging es mit tatsächlich zum ersten Male so, wie Proust hier die Wirkung von Vinteuils Septett beschreibt: sie lassen den Betrachter die Welt mit anderen Augen sehen.

Monet malt ganz alltägliche Szenen: Landschaften, Gärten -- viele davon dutzende Male bei verschiedenem Licht und aus verschiedenen Perspektiven. Das wirklich Spannende daran ist seine Art die Dinge zu sehen und zu malen: die Gegenstände verschwimmen darin zu reinem Eindruck, zu reinen Farben, zu reinem Licht. Die einzelnen Objekte spielen kaum eine Rolle, sie sind dem Gesamteindruck untergeordnet. Sehen Sie sich nur einmal dieses Bild aus der Staatsgalerie an uns lassen Sie es auf sich wirken. Die Blätter der Bäume sind hier mit einem dunkelblauen Schatten durchsetzt - nicht, weil ein Baum je auch nur für einen Moment dunkelblau wäre, sondern weil der Gesamteindruck von sich vor einem blauen Himmel drehenden Blättern ein Dunkelblau ergibt. Oder sehen Sie diese junge Dame, bei der Kleid wie Schleier mit den Wolken zu einer Einheit verschmelzen.

Ich muss zugeben: ich sehe die Dinge normalerweise nicht so. Ein Baum ist grün, und ein Kleid ist ein Kleid. Durch Monets Bilder, zu deren Bedeutung in Prousts Werk auch eine PDF-Datei hier erhältlich ist, wird es aber möglich, die Welt ein wenig durch des Malers Augen zu sehen -- zauberhaft.

Tatsächlich vereint die obige Passage außerdem diese und jene zu einer Gesamtdarstellung des Themas Individualität / subjektive Weltwahrnehmung / Kunst.

Und sie bleibt eine der zauberhaftesten Stellen des impressionistischen Romans überhaupt.
It's a lengthy excerpt, but don't hesitate: read on, it's worth it (I promise! especially the last part has one of the most beautiful Proust quotes ever)...

But is it not the fact then that from those elements, all the real residuum which we are obliged to keep to ourselves, which cannot be transmitted in talk, even by friend to friend, by master to disciple, by lover to mistress, that ineffable something which makes a difference in quality between what each of us has felt and what he is obliged to leave behind at the threshold of the phrases in which he can communicate with his fellows only by limiting himself to external points common to us all and of no interest, art, the art of a Vinteuil like that of an Elstir, makes the man himself apparent, rendering externally visible in the colours of the spectrum that intimate composition of those worlds which we call individual persons and which, without the aid of art, we should never know? A pair of wings, a different mode of breathing, which would enable us to traverse infinite space, would in no way help us, for, if we visited Mars or Venus keeping the same senses, they would clothe in the same aspect as the things of the earth everything that we should be capable of seeing. The only true voyage of discovery, the only fountain of Eternal Youth, would be not to visit strange lands but to possess other eyes, to behold the universe through the eyes of another, of a hundred others, to behold the hundred universes that each of them beholds, that each of them is; and this we can contrive with an Elstir, with a Vinteuil; with men like these we do really fly from star to star.
-- The Captive

Put this passage next to a Monet exhibition at Staatsgalerie Stuttgart (which I was happy enough to visit last Saturday). Step back. What an effect!

With Monet's paintings for the first time I actually felt the way Proust here describes the effect of Vinteuil's Septett: they let the contemplator see the world with different eyes.

Monet paintings are quite banal: landscapes, gardens -- many of them a dozen times with different light of different perspectives. What is really interesting about them is his way of seeing and painting things: objects become indistinct into pure impression, pure color, pure light. The individual object rarely does play any role, it is subordinate to the overall impression. Just have a look at this painting from Staatsgalerie and let it sink in. The leaves of the trees are pervaded by a dark blue shadow - not because any tree ever really was dark blue for a second, but because the overall impression a tree with leaves turning in front of the blue sky is dark blue. Or take a look at this young Lady, whose dress and veil merge with the clouds to what we could call an integrative impression.

I must admit: usually I don't see things this way. A tree's green and a dress is just a dress. But Monet's paintings make it possible to see the world with the artist's eyes -- plain magic.

As a matter of fact, the passage combines this one and that one to an overall view of the theme individuality / subjective world view / art.

And it remains one of the most magical moments of impressionist literature.

Thursday, 14. September 2006

Distinction

[Er gibt Antwort in einem] Ton, dem bestimmten Tonfall Vinteuils, getrennt von dem anderer Komponisten durch einen weit größeren Unterschied, als wir ihn zwischen den Stimmen zweier Personen oder sogar zwischen dem Brüllen und dem Schrei zweier Tierarten wahrnehmen können.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3093

Wieder eine Stelle, an dem das - wie er mir scheint - Hauptthema des Romans aufgegriffen wird: Suche nach dem Selbst, das Geheimnis der Individualität.

Wenn der Unterschied zwischen mir und Ihnen in diesem Moment vermutlich nicht größer ist als jener zwischen mir heute und mir in 20 Jahren - warum spricht man dann im zweiten, jedoch nicht im ersten Fall von ein und derselben Person?

Hier ist als ein Ausweg aus dieser Frage die Kunst dargestellt: es gibt etwas, das in der Musik, die Marcel hier hört, unverkennbar Vinteuil ist. Wie schade, dass wir nicht alle Künstler sind.
The accent of Vinteuil is separated from the accents of other composers by a difference far greater than that which we perceive between the voices of two people, even between the cries of two species of animal.
-- The Captive

Another passage that deals with what seems to me the main theme of the novel: search for the self, the secret of individuality.

If the difference between you and me in this very moment likely is not bigger than that between me now and me in 20 years - why then do we speak in the second, yet not in the first case of the same person?

Here something is presented that can answer this question: there is something in the music Marcel listens to, that is distinctively Vinteuil. What a pitty we aren't all artists.

Monday, 11. September 2006

Arzt, heile dich selbst

Monsieur Verdurins Grobheit hatte zur Folge, dass die Männer in der Garderobe alle anderen Personen vor Saniette bedienten. [...] Indessen hielt Madame Verdurin großen Kriegsrat mit Cottard und Ski.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3055

Und wenige Seiten später, am selben Abend noch, lässt sich Marcel zu folgendem Zwischenruf im Gespräch mit Madame Verdurin hinreißen:

"Schließlich aber hat ein Schüler Cottards..." - "Oh! Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen doch meine Teilnahme aussprechen, er ist wirklich sehr schnell dahingerafft worden, der arme Professor!" - "Ja, aber was wollen Sie, er ist gestorben, wie alle Menschen sterben."
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3073

Was daran wirklich verwunderlich ist, ist weniger die Tatsache, dass Marcel ungewöhnlicherweise einmal aktiv an der Konversation teilnimmt -- vielmehr scheint Cottard sich, weder tot noch lebendig, in einer Art Zwischenzustand zu befinden.

Noch erstaunlicher ist es, auch noch die untenstehende Übersetzung des zweiten Ausschnittes, wie sie in der englischen Moncrieff-Ausgabe veröffentlicht ist, zu lesen: hier ist der Zwischenruf des Erzählers völlig ausgelassen worden.

Das ist die erste wirklich auffällige Inkonsistenz in einem Teil des Romans, den Proust vor seinem Tod nicht mehr überarbeiten konnte. Während manche Unmöglichkeiten im zeitlichen Verlauf (wie zum Beispiel die unmenschlich lange Lebenszeit der Odette) noch als Stilelemente gelten können, wird er das hier wohl nicht gewollt haben. Ob Moncrieff deshalb eine andere Version als die deutsche gewählt hat?

Nachtrag: Es wird noch seltsamer. Gegen Ende der Abendgesellschaft bei den Verdurins:

So sagte an dem Abend, als die Gastgeber allein zurückgeblieben waren, Monsieur Verdurin zu seiner Frau: "Weißt du auch, weshalb Cottard nicht gekommen ist? Er ist bei Saniette."
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3188

Saniette hatte die Abendgesellschaft vorzeitig verlassen und kurz darauf einen Schlaganfall erlitten. Der Doktor - tot oder lebendig - muss ihm zu Hilfe geeilt sein. In der englischen Übersetzung von Moncrieff heißt es darum auch nicht (fälschlicherweise?) "nicht gekommen" sondern "gegangen" ("You know where Cottard has gone?").
The effect of M. Verdurin’s rudeness was that the servants in the cloakroom allowed other guests to take precedence of Saniette. [...] Meanwhile Mme. Verdurin was busily engaged with Cottard and Ski.
-- The Captive

And few pages later, the same evening still, Marcel engages in a conversation with Mme. Verdurin, which, in the German edition, reads like this:

"However, one of Cottard's pupils..." - "Oh! I would like to express my condolences, he was carried off real fast, the poor professor!" - "Yes, but that's how it is - he died the way everybody dies."
-- The Captive, German translation

What's interesting about this is not so much the unusual fact that Marcel does activly take part in a conversation -- it is that Cottard, neither really dead nor alive, seems to be in some kind of zombie status.

Yet more funny it gets if you also read the Moncrieff translation of this second excerpt: here the interjection by the narrator has been left out completely:

"However, one of Cottard’s pupils, a charming person, has been treating me for it. He goes by quite an original rule: ‘Prevention is better than cure.’ And he greases my nose before the music begins."
-- The Captive

This is the first obvious inconsistency in a part of the novel that Proust couldn't revise before his death. While some impossibilities in the temporal order (like, for instance, the overly long life of Odette) can be counted as stylistic instruments, this he probably wouldn't have wanted. Is this the reason why Moncrieff chose another version of the story than the German translator?

addendum: Moncrieff once again has a more consistent version of the story when he writes:
When the host and hostess were by themselves, M. Verdurin said to his wife: "You know where Cottard has gone? He is with Saniette."
-- The Captive

Saniette had left the soiree early and shortly afterwards suffered a stroke. Doc Cottard - dead or alive - had obviously come to help him. In the German translation Verdurin (misleadingly) says "You know why Cottard didn't come?" instead.

Monday, 28. August 2006

Die Schatzsucher

Lieber Charles ..., so wenig ich Sie kannte, als ich noch jung war, Sie aber schon dem Grabe zuwankten, fängt man doch wohl deshalb, weil derjenige, den Sie damals sicher für einen unbedeutenden jungen Toren hielten, Sie zum Helden seiner Romane auserkoren hat, jetzt wieder von Ihnen zu reden an, und nur daraufhin werden Sie vielleicht weiterleben. Wenn man Sie sich auf dem Gemälde von Tissot, wo Sie zwischen Galliffet, Edmond de Polignac und Saint-Maurice auf dem Balkon stehen, zeigt und viel von Ihnen spricht, so deshalb, weil man bemerkt hat, dass einige Züge von Ihnen in die Persönlichkeit von Charles Swann eingegangen sind!
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3016f

Der nächste väterliche Gigant -- ich muss zugeben, ich hatte ihn fast vergessen, nachdem von seiner Krankheit die Rede gewesen war -- ist von dieser Welt gegangen. Weitaus faszinierender ist aber wohl, dass er tatsächlich einmal gelebt hat.

Zuerst dachte ich, die obige Bemerkung mit dem Gemälde sei vielleicht reine Fiktion und es gäbe überhaupt keinen Tissot. Tatsächlich gab es ihn aber, und er ist ein -- wenn auch nur wenig bekannter -- französischer Maler.

Eines seiner Gemälde zeigt auch tatsächlich Herren "auf dem Balkon": Le Balcon du Cercle de la rue Royale. Und einer davon, welcher, weiß ich leider nicht zu sagen, ist ein gewisser Charles Haas, über den es leider nur eine französische Wikipedia-Seite gibt.

Obwohl ich kein Französisch verstehe, scheint Charles Haas sehr gut zu passen in die Figur des Swann. Allein schon sein Geburtsjahr machen ihn zu einem möglichen väterlichen, fast großväterlichen Freund des Autors.

Oh, und natürlich tut Proust da etwas, das ein Autor normalerweise nicht machen würde, wenn er diese Zeilen schreibt, über Dinge, die normalerweise hinter dem Vorhang verborgen bleiben. Wie immer.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht... vielleicht ist das alles nichts Neues für Sie. Aber ich habe mich ein bisschen wie ein Schatzsucher gefühlt, als ich das Bild von Tissot entdeckt habe --
My dear Charles ----, whom I used to know when I was still so young and you were nearing your grave, it is because he whom you must have regarded as a little fool has made you the hero of one of his volumes that people are beginning to speak of you again and that your name will perhaps live. If in Tissot’s picture representing the balcony of the Rue Royale club, where you figure with Galliffet, Edmond Polignac and Saint-Maurice, people are always drawing attention to yourself, it is because they know that there are some traces of you in the character of Swann.
-- The Captive

The next fatherly giant -- and I must admit I had almost forgotten him after we had heard from his disease -- has left the world. Much more fascinating is it, though, that he in fact has lived once.

My first thought was, that the notion about the painting might be pure fiction and that the painter Tissot might not even exist. In fact, he does. Tissot is a -- not very well-known, thought -- French painter.

One of his paintings really shows gentlemen "on a balcony": Le Balcon du Cercle de la rue Royale. One of them, which I admit I cannot say, is Charles Haas, about whom there's only a French entry on Wikipedia.

Now although I don't understand any French, Charles Haas seems to fit very well into what we know about Swann. His year of birth already makes him a possible fatherly, nearly grandfatherly friend of the author.

Oh, and of course Proust does something an author normally wouldn't do when he writes these lines about things that usually stay behind the curtain. As always.

I don't know how you feel... maybe that's nothing new for you. But I did feel like a treasure hunter a bit when I found that Tissot painting --

Sunday, 27. August 2006

Mr Beckett's voluntary memory

Dann aber, um mir Adieu zu sagen, reichte sie mit die Hand in der etwas brüsken Art mit weit vorgestrecktem Arm und zurückgezogenen Schultern, die sie einst am Strand von Balbec an sich gehabt und seither nie wieder angewendet hatte. Diese vergessene Bewegung machte aus dem Körper, dessen unmittelbarer Ausdruck sie war, den jener Albertine aus der Zeit, da sie mich noch nicht kannte, sie gab ihr, die dann unter einer Miene der Unbefangenheit nahezu feierlich wirkte, ihre erste Neuheit, das Unbekannte, ja sogar den Rahmen von dazumal zurück. Ich sah das Meer hinter dem jungen Mädchen [...].
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3006f

Herr Beckett ist tatsächlich zu beneiden. Jedenfalls kam mir einst dieser Gedanke, als ich seinen Essay Proust las, in dem er vollkommen aus dem Gedächtnis zitiert außer vielen anderen Gegenenheiten auch eine (seiner Meinung nach) vollständige Liste von Ereignissen des mémoire involontaire anführt.

Ich verfüge nicht über ein solches Gedächtnis (aber Herr Beckett hatte auch noch kein Weblog). Ob er die oben zitierte Gegebenheit tatsächlich erwähnt hat, kann ich leider im Moment nicht sagen, denn weder habe ich sein Essay in meinem Bücherregal stehen oder im Moment aus der Bibliothek ausgeliehen, noch finde ich den Text online (was schade ist).

Nichtsdestoweniger fand ich den Ausschnitt magisch -- die Erinnerung an Vergessenes, ein Wiederauferstehen einer verlorenen Zeit.
And by way of farewell she held out her hand to me in that abrupt fashion, the arm outstretched, the shoulders thrust back, which she used to adopt on the beach at Balbec and had since then entirely abandoned. This forgotten gesture retransformed the body which it animated into that of the Albertine who as yet scarcely knew me. It restored to Albertine, ceremonious beneath an air of rudeness, her first novelty, her strangeness, even her setting. I saw the sea behind this girl.
-- The Captive

I do envy Mr Beckett. At least that's what I felt when I read his essay Proust, in which he quotes - apart from other things - a (in his opinion) complete list of occurrances of mémoire involontaire, entirely from his memory.

I am not indued with this kind of a capacity for remembering (but Mr Beckett, on the other hand, didn't run a weblog). Whether he really mentioned the lines quoted above I cannot say at the moment, because neither do I have his essay on my bookshelf or borrowed from a public library at the moment, nor do I find the text online (which is a pity).

Nonetheless I found the passage magical -- remembrance of things long-forgotten, a resurrection of a time lost.

Saturday, 26. August 2006

The Existence of a Cat

Die Welt ist wahr für uns alle, doch verschieden für jeden einzelnen. Wenn wir uns nicht zugunsten eines ordendlichen Ablaufs dieser Erzählung gezwungen sähen, uns auf oberflächliche Gründe zu beschränken, würden weit ernstere uns erlauben, die trügerische Unzulänglichkeit der ersten Seiten dieses Bandes nachzuweisen, in denen ich von meinem Bett aus das Erwachen der Welt teils bei diesem, teils bei jenem Wetter erlebe. Ja, ich war gezwungen, die Dinge zu vereinfachen und zu fälschen, denn nicht eine Welt, sondern tausend Welten, fast ebenso viele wie es Augenpaare und denkende Hirne gibt, erwachen jeden Morgen.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3004

Tatsächlich ist die Beobachtung, dass wir uns doch irgendwie über die Welt unterhalten können, ein deutlicher Hinweis, dass es sie gibt (einmal außerhalb der Vorstellung, die wir von ihr haben, betrachtet). Betrand Russell führt dieses Argument in ähnlicher Weise z.B. in Probleme der Philosophie aus (siehe die Geschichte mit der Katze).

Die eigentliche Frage der Kunst bei Proust scheint zu sein: wie können wir das, welches unsere Welt ausmacht kommunizieren, wenn es doch niemand im klassischen Sinne verstehen kann? Wie können wir einen anderen Menschen unsere Welt sehen lassen?

Das mag nur sehr eingeschränkt möglich sein, wie der Erzähler hier zugibt, gleichzeitig wieder ein bisschen seiner wahren Identität als Autor verratend. Aber es ist für Proust das, was Kunst wirklich ausmacht -- die Welt durch andere Augen zu sehen, wie er es in einem meiner absoluten Lieblingszitate aus der Recherche herausstellt.

Noch erschreckender ist es nur, wie wenig sich all unsere eigenen Welten, wie wir sie nacheinander erleben, gleichen.
The universe is true for us all and dissimilar to each of us. If we were not obliged, to preserve the continuity of our story, to confine ourselves to frivolous reasons, how many more serious reasons would permit us to demonstrate the falsehood and flimsiness of the opening pages of this volume in which, from my bed, I hear the world awake, now to one sort of weather, now to another. Yes, I have been forced to whittle down the facts, and to be a liar, but it is not one universe, there are millions, almost as many as the number of human eyes and brains in existence, that awake every morning.
-- The Captive

The observation that we can actually somehow have a conversation about the world is a good piece of evidence that the world does in a way exist (apart from the perception we have of it). Betrand Russell develops this argument in a slightly different way in The Problems of Philosophy (see the story about a cat).

For Proust, the real question of art seems to be: how can we communicate that which is distictive of our world when nobody can understand it in the classical sense of the word? How can we let another human being see our world?

This may only be possible to a very limited extent, as the narrator admits, at the same time telling us a little more about his true identity as a writer. But it is for Proust what really makes art interesting -- to see the world through other eyes, as he puts it in one of my favourite quotations from the Recherche.

How much more scary it is, though, how different our very own worlds are, as we percieve them one after the other.

Friday, 25. August 2006

Death of an Impressionist

[Bergotte] war tot. Tot für immer? Wer kann es sagen. Gewiß erbringen spiritistische Experimente nicht deutlicher als religiöse Dogmen den Beweis für das Fortleben der Seele. Man kann nur sagen, dass alles in unserem Leben sich so vollzieht, als träten wir bereits mit der Last in einem früheren Dasein übernommener Verpflichtungen in das derzeitige ein; es besteht kein Grund in den Bedingungen unseres Erdendaseins selbst, weshalb wir uns für verpflichtet halten, das Gute zu tun, zartfühlend, ja, auch nur höflich zu sein; auch nicht für den Künstler, der nicht an Gott glaubt, weshalb er sich gedrungen fühlen soll, zwanzigmal sein Werk von neuem zu beginnen, dessen Bewunderung seinem von Würmern zerfressenen Leib wenig ausmachen wird. [...] Alle diese Verpflichtungen, die im gegenwärtigen Dasein nicht hinlänglich begründet sind, scheinen einer anderen, auf Güte, auf Gewissenhaftigkeit, auf Opferbereitschaft basierenden Welt anzugehören. [...] Der Gedanke, Bergotte sei nicht für alle Zeiten tot, ist demnach nicht völlig unglaubhaft.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 2999f

Der gute Bergotte wurde - für einen Künstler standesgemäß - beim Besuch einer Ausstellung dahingerafft, schon kurz nachdem er die Bühne der Recherche nach langer Abwesenheit wieder betreten hatte. Die Gedanken, die Proust zu seinem Tod hier anführt, scheinen in vieler Hinsicht interessant.

Zum einen ist das Argument für die Existenz eines Jenseits oder einer höheren Daseinsebene, das Proust hier anführt, seit Kants Argumentation (die er, wenn ich mich recht entsinne, in einem frühen Werk aufgestellt und später selbst widerlegt hat) für die Notwendigkeit einer z.B. die Moral begründenden Instanz außerhalb der gegenwärtigen Welt bekannt und schon ein eigentlich spannender Gedankengang.

Zum anderen scheint mit Proust -- der wie fast durchweg in Der Gefangenen ein alter Mann zu sein scheint -- auch hier über den Sinn nachzudenken, bis an sein Totenbett, an dem er einst das Wort FIN unter sein Manuskript setzen sollte, an der Vollendung seines Kunstwerkes zu arbeiten. Ist es die Religion, eine Art Glaube, die ihm hierzu die Kraft zu geben geholfen haben?
[Bergotte] was dead. Permanently dead? Who shall say? Certainly our experiments in spiritualism prove no more than the dogmas of religion that the soul survives death. All that we can say is that everything is arranged in this life as though we entered it carrying the burden of obligations contracted in a former life; there is no reason inherent in the conditions of life on this earth that can make us consider ourselves obliged to do good, to be fastidious, to be polite even, nor make the talented artist consider himself obliged to begin over again a score of times a piece of work the admiration aroused by which will matter little to his body devoured by worms. [...] All these obligations which have not their sanction in our present life seem to belong to a different world, founded upon kindness, scrupulosity, self-sacrifice. [...] So that the idea that Bergotte was not wholly and permanently dead is by no means improbable.
-- The Captive

Poor chap Bergotte - as it behoves an artist to die he was carried off while visiting an exhibition, shortly after entering the stage of the Recherche again after a long absence. The thoughts about his death Proust drops here seem to be interesting in many ways.

For one thing, the line of argumentation proposing the existence of a kind of kingdom-come or a higher level of existence Proust mentions here is known since Kant's argumentation (which he, if I recall it correctly, puts forward in one of his earlier works only to refutes it himself later) for the necessity of a kind of authourity outside life on this earth to give reasons for e.g. moral and is in itself an interesting line of thought indeed.

For the other, it is Proust -- seemingly as an old man as nearly throughout The Captive -- reflecting on the sense of working on the perfection of his masterpiece up to his deathbed in which he is to write the last word FIN under the manuscript. Is it religion, a kind of belief, that helped giving him the strength to do so?

Janus II

Jedes geliebte Wesen und in gewissem Ausmaße sogar jedes Wesen überhaupt ist für uns wie ein Januskopf, das heißt, es zeigt uns, wenn es uns verlässt, die uns wohlgefällige Seite, eine mißliebigere jedoch, solange wir es ständig zu unserer Verfügung wissen.
 -- Die Gefangene, Bd. 8, S. 2991

Wie ich in einem früheren Eintrag, verwendet hier auch Proust das antike Bild des Janus für die ambivalente Natur der menschlichen Persönlichkeit -- oder besser ihrer Wirkung auf uns.

Eine weitere Facette der Proust'schen Kritik am Begriff der Person ist dies, die zudem eine Verbindung zum in der Gefangenen allgegenwärtigen Eifersuchtsmotiv schafft.

Nach einer verhältnismäßig langen "Durststrecke" beginnt etwa hier wieder eine Folge von interessanten, oft philosophischen Betrachtungen, die Stoff für weitere Blog-Einträge bieten mögen.
Every person whom we love, indeed to a certain extent every person is to us like Janus, presenting to us the face that we like if that person leaves us, the repellent face if we know him or her to be perpetually at our disposal.
 -- The Captive

Like I did in a previous entry, Proust here uses the ancient imagery of Janus for the ambivalent nature of human personality -- or better its effect on us.

This is yet another facet of Prousts critical view of the concept of the individuum, also making the connection to a motive omnipresent in The Captive: jealousy.

After a "tough ride" over the last pages, at about this point Proust again begins to make a series of interesting, often philosophical, reflections, some of which may lead to further blog posts.

Monday, 21. August 2006

recursive: adj., see recursive

Jener andere Musiker, der mich im Augenblick in so großes Entzücken versetzte, Wagner, der aus seinen Schubfächern ein köstliches Stück zog, um es als rückblickend unerlässlich erscheinendes Thema einem Werk einzufügen, an das er noch nicht gedacht hatte, und der dann, nachdem er eine erste mythologische Oper, dann eine zweite, schließlich noch weitere geschaffen hatte, mit einem Male bemerkte, dass eine Tetralogie, der 'Ring' entstanden war, hat gewiss ungefähr den gleichen Rausch wie Balzac erlebt, als dieser auf seine Werke den Blick gleichzeitig eines Fremden und eines Vaters warf, in dem einen die Reinheit Raffaels, dem anderen die Einfalt des Evangeliums entdeckte und mit einem Male, wenn er sie auf Grund einer nachträglichen Erleuchtung in aller Klarheit anschaute, zu der Erkenntnis kam, dass sie noch schöner sein könnten, wenn er sie zu einem Zyklus vereinigte, in dem die gleichen Personen wiederkehren würden, und seinem Werke durch diesen Zusammenschluss noch einen - den letzten und erhabensten - Pinselstrich hinzufügte. Eine nachträgliche, nicht künstlich geschaffene Einheit: sonst wäre sie zerfallen wie so viele Systematisierungen von mittelmäßigen Schriftstellern, die mit einem großen Aufgebot an Titeln und Untertiteln sich den Anschein geben, als hätten sie einen einzigen, transzendenten Zweck verfolgt. Nicht künstlich, vielleicht sogar um so wirklicher, als sie nachträglich erst ihr Entstehen einem entflammten Augenblick verdankt, angesichts von Teilen entdeckt worden ist, die nur noch zu einem Ganzen zusammenschießen mussten; eine Einheit, die nichts von sich wusste, also lebendig und nicht logisch bedingt ist.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 2963f

Ein erstaunlich langer Abschnitt, besonders dem ersten Satz ist es wohl anzurechnen, ist es, der heute meine Aufmerksamkeit erweckt hat: Proust schreibt über große Werke, die sich zu einer Einheit verbanden.

Es ist vermutlich kein Zufall, dass wir diesen Abschnitt in Die Gefangene finden. Die Entstehungsgeschichte der Recherche ist eine Geschichte der natürlich gewachsenen Einheit, wie sie hier beschrieben ist. Proust hatte ursprünglich nicht geplant (und, wie es scheint, er hätte es nicht planen können), ein so umfangreiches Werk zu verfassen. Zwischen die zuerst geschriebenen Bücher Du côté de chez Swann und Le Temps retrouvé schoben sich über die Jahre jene, die jetzt die Bände 2 bis 9 der Suhrkamp-Ausgabe füllen. Die Gefangene gehörte zu den später verfassten Teilen des Gesamtwerkes, als sich die ungeheure Einheit schon überblicken ließ.

Wirklich spannend wäre es natürlich, herauszufinden, wann diese Proust genau diese Passage verfasst hat -- Literaturwissenschaftler sind zu einem dies betreffenden Kommentar eingeladen ;).
The other musician, he who was delighting me at this moment, Wagner, retrieving some exquisite scrap from a drawer of his writing-table to make it appear as a theme, retrospectively necessary, in a work of which he had not been thinking at the moment when he composed it, then having composed a first mythological opera, and a second, and afterwards others still, and perceiving all of a sudden that he had written a tetralogy, must have felt something of the same exhilaration as Balzac, when, casting over his works the eye at once of a stranger and of a father, finding in one the purity of Raphael, in another the simplicity of the Gospel, he suddenly decided, as he shed a retrospective illumination upon them, that they would be better brought together in a cycle in which the same characters would reappear, and added to his work, in this act of joining it together, a stroke of the brush, the last and the most sublime. A unity that was ulterior, not artificial, otherwise it would have crumbled into dust like all the other systématisations of mediocre writers who with the elaborate assistance of titles and sub-titles give themselves the appearance of having pursued a single and transcendent design. Not fictitious, perhaps indeed all the more real for being ulterior, for being born of a moment of enthusiasm when it is discovered to exist among fragments which need only to be joined together. A unity that has been unaware of itself, therefore vital and not logical.
-- The Captive

A unusually lengthy section, mostly because of the first sentence, it is, that captured my attention today: Proust is writing about great works that have combined themselves into a unity.

It is probably not caused by accident that this section can be found in The Captive. The history of the origins of the Recherche is a history of naturally grown unity, much like it is described here. Proust initially hadn't planned (and, as it seems, wouldn't have been able to plan) to be the author of a novel so comprehensive. Gradually, the books written first, Du côté de chez Swann and Le Temps retrouvé were shifted apart by the books that now form volumes 2 to 9 of the Suhrkamp edition. The Captive was one of the pieces of the novel that was written later, when the immense unity was already comprehensible.

It'd be really interesting to find out when this passage was actually written -- everyone in possession of a critical edition is invited to post a respective comment ;).

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