Wednesday, 8. November 2006

Aristoteles

Gleichzeitig aber rechnete ich mir aus, ob noch genügend Zeit verbleibe, um heute morgen noch die Jacht und den Rolls Royce zu bestellen, die Albertine sich wünschte
-- Die Entflohene, Bd. 6, S. 12 (ca. Bd. 9, S. 3320)

Ein sehr reicher Mann hat einmal gesagt, dass wenn es keine Frauen gäbe, alles Geld der Welt keinen Wert hätte. Dieser Mann hieß Aristoteles, aber auch Homer und Sokrates. Mit Nachnamen hieß er Onassis und war - gelinde gesagt - Eigner einiger Schiffe.

Proust - oder besser der Erzähler - nimmt offensichtlich einen ähnlichen Standpunkt ein, wenn er hier ganz offen darüber sinniert, ob sich durch Aufwendung eines erheblichen Teiles seines Vermögens Albertine vielleicht zurückgewinnen ließe.

Allein ich glaube kaum, dass das funktionieren würde. Und so hat alles Geld der Welt manchmal trotzdem keinen Wert.

Leider kann ich die kontinuierliche Seitennummerierung aus der 10bändigen Ausgabe nicht durchhalten, weil mir Die Entflohene nur in der 7bändigen Ausgabe vorliegt. Zu dieser also jetzt die genauen Angaben, die der 10bändigen Ausgabe werde ich abschätzen.
And, at the same time, I calculated whether I had time to go out that morning and order the yacht and the Rolls-Royce which she coveted.
-- The Fugitive

A particularily rich man has once said, that if women didn't exist, all the money in the world would have no meaning. His name was Aristotle, but also Homer and Socrates. His last name, though, was Onassis and he was - to put it mildly - owner of a few ships.

Proust - or rather the narrator - obviously takes quite a similar point when he openly discusses whether he could win Albertine back using a significant portion of his fortune.

Yet I don't really believe this would work -- sometimes all the money in the world still has no meaning.

Thursday, 2. November 2006

Release

Das heutige Zitat beschreibt das Ende Der Gefangenen. Unser Erzähler hat endgültig den festen Entschluss gefasst, Albertine zu verlassen und sich seinen Kindheitstraum einer Reise nach Venedig zu erfüllen. Doch die Situation spitzt sich, wie bei Proust üblich, in den letzten Zeilen nochmals verhängnisvoll zu:

Françoise, die mein Schellen gehört hatte, trat ein: "Es war mir sehr arg, erklärte sie mir, dass Monsieur heute so spät erst geschellt hat. Ich wusste gar nicht, was ich machen soll. Früh um acht Uhr hat Mademoiselle Albertine von mir ihre Koffer verlangt; [...] Sie hat mir diesen Brief für Monsieur gegeben, und um neun Uhr ist sie fort."
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3308

Immer hatte ich den Eindruck, von den letzten Seiten eines der Bände unwiderstehlich in den folgenden weitergetrieben zu werden. So auch diesmal. Die Entflohene liegt bereit auf meinem Schreibtisch --
Today's quote is the last passage of The Captive. The narrator has come to the final decision to leave Albertine and make a dream come true by travelling to the city of Venice. Yet the situation, as it always does with Proust on the last lines, makes a fatal turn:

Françoise having heard my ring came into the room, in considerable uneasiness as to how I would receive what she had to say and what she had done. “It has been most awkward,” she said to me, “that Monsieur is so late in ringing this morning. I didn’t know what I ought to do. This morning at eight o’clock Mademoiselle Albertine asked me for her trunks; [...] She left this letter with me for Monsieur, and at nine o’clock off she went.”
-- The Captive

I always had the impression to be irresistably led from the last pages of one volume to the first pages of the next. It's not different this time. The Fugitive is lying on my desk and ready to be read --

Tuesday, 31. October 2006

Entry to the All-England Summarize Proust Competition

So kam nichts in so hohem Maße wie ein schönes Thema bei Vinteuil dem so unverkennbar eigenen Vergnügen gleich, das ich ein paarmal in meinem Leben verspürt hatte, zum Beispiel vor den Kirchtürmen von Martinville, oder jenen Bäumen an einer Landstraße bei Balbec, oder noch einfacher zu Anfang dieses Werkes beim Trinken einer Tasse Tee.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3255f

In einem bekannten Sketch von Monty Python wird eine Fernsehshow nachgestellt, in der drei Kandidaten vergeblich versuchen die vorgegebene Aufgabe zu lösen: eine Zusammenfassung der Recherche in 15 Sekunden. Das Ergebnis ist ernüchternd:

show master: Well Ladies and Gentlemen, I don't think any of our contestants this evening have succeeded in encapsulating the intricacies of Proust's masterwork, so I'm going to award the first prize this evening to the girl with the biggest tits.
(Applause and music. A lady with enormous knockers comes on to the side of the stage.)

Ich hätte es, glaube ich, mit der obigen Passage versucht. Sprechen Sie es einmal in 15 Sekunden --
Thus nothing resembled more closely than some such phrase of Vinteuil the peculiar pleasure which I had felt at certain moments in my life, when gazing, for instance, at the steeples of Martinville, or at certain trees along a road near Balbec, or, more simply, in the first part of this book, when I tasted a certain cup of tea.
-- The Captive

In an infamous Monty Python sketch a tv show is re-enacted, in which three candidates try to summarize the Recherche in 15 seconds - to no avail:

show master: Well Ladies and Gentlemen, I don't think any of our contestants this evening have succeeded in encapsulating the intricacies of Proust's masterwork, so I'm going to award the first prize this evening to the girl with the biggest tits.
(Applause and music. A lady with enormous knockers comes on to the side of the stage.)

I think I would have tried with the passage above. Just try and read it in 15 seconds --

Sunday, 29. October 2006

Unzensiert

Die Damen wurden enge Freundinnen, sie fuhren zusammen aus, wobei die eine Männerkleidung trug, kleine Mädchen auftrieb und sie der anderen brachte, die sodann sie einzuweihen übernahm. Die andere hatte einen kleinen Jungen, mit dessen Betragen sie vorgeblich unzufrieden war und den sie von ihrer Freundin züchtigen ließ, wobei diese sich nicht ohne Energie an ihre Aufgabe machte. Man kann nicht behaupten, dass es keinen noch so öffentlichen Ort gab, an dem sie nicht taten, was sonst das Allergeheimste ist.
 -- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3224

Ich muss zugeben, ich freue mich schon auf die vielen verirrten Suchergebnisse, die mir diese Passage einbringt.

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Offenheit Proust hier über Homosexualität, Travestie, Pädophilie, Spanking-Fetischismus und Exhibitionismus schreibt. Man lese mal deutsche Literatur aus der gleichen Zeit und die Diskussionen, die über weitaus kleinere Tabubrüche entstanden sind. Dabei ist doch Sodom und Gomorra schon längst vorbei...
They became great friends, used to go about together, one of them, dressed as a man, picking up little girls and taking them to the other, initiating them. One of them had a little boy who, she pretended, was troublesome, and handed him over for punishment to her friend, who set to work with a strong arm. One may say that there was no place, however public, in which they did not do what is most secret.
 -- The Captive

I am looking forward to, I must admit, the erroneous search results that this passage will bring.

It's actually amazing how frankly Proust writes about homosexuality, travesty, spanking-fetishism and exhibitionism. Just read contemporary German literature and the discussions brought about by breaking less heavy taboos. I though the Cities of the Plain had ended some hundred pages ago...

Friday, 27. October 2006

Homo homini...

Meine Sklaverei, die mir noch bewusst war, als ich dem Kutscher die Adresse Brichots gegeben hatte und das Licht im Fenster sah, drückte mich gleich darauf nicht mehr, als ich bemerkte, dass Albertine die ihre so grausam zu empfinden schien. Damit sie weniger schwer auf ihr lastete und sie nicht auf den Gedanken brächte, sie von sich aus zu durchbrechen, war mir als das Geschickteste erschienen, in ihr den Eindruck zu erwecken, dieser Zustand sei nicht definitiv und ich selbst habe vor, ihm ein Ende zu bereiten
 -- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3221

Es scheint schon etwas übertrieben pessimistisch, was Proust hier schreibt. Nicht nur ist es er, der Albertine als Gefangene hält, es ist auch Albertine, die ihn in ähnlicher Weise quält. Und der Ausweg aus dieser Situation ist auch nur ein schmerzhafter.

Die Sache ist: falls Sie jetzt glauben, dass sie sich auf diese Weise endgültig trennen werden, dass diese Passage der Grund ist, warum der nächste Teil des Romanzyklus den Namen Die Entflohene trägt - dann liegen Sie falsch. Proust hat auch in Die Gefangene - wie immer - ein höchst spannendes und überraschendes Ende auf Lager, wovon Sie bald an dieser Stelle lesen werden.

Ich bin zum Anfang des Monats nach München umgezogen, weshalb sich die Blog-Einträge etwas verzögert haben. Die Gefangene habe ich schon einige Zeit abgeschlossen, es sind aber noch ein paar Stellen, zu denen ich hier noch Einträge veröffentlichen werde. Im Moment bin ich auf der Suche nach einer Ausgabe in 10 Bänden in einer der Münchner Bibliotheken, was schwieriger ist, als man meinen möchte (bisher habe ich nur die in 7 und die in 13 Bänden gefunden, zudem mit ziemlich leserunfreundlichen Fristverlängerungsregeln und OPAC-Systemen). Vielleicht finde ich ja doch noch eine, damit die Seitenzahlen fortlaufend bleiben.
My serfdom, of which I had already been conscious when, as I gave the driver Brichot’s address, I caught sight of the light in her window, had ceased to weigh upon me shortly afterwards, when I saw that Albertine appeared so cruelly conscious of her own. And in order that it might seem to her less burdensome, that she might not decide to break her bonds of her own accord, I had felt that the most effective plan was to give her the impression that it would not be permanent and that I myself was looking forward to its termination.
 -- The Captive

It does seem a little overstrained what Proust writes here. Not only does he keep Albertine as a de-facto captive, it is also Albertine who imposes similar torment on him. And the only way of getting out of that situation is yet again painful.

The point is: if you think this is how they finally part, this episode is what caused the title of the next part of the novel to be The Fugitive - you are indeed wrong. Proust will - as he always does - have a most enthralling show-down at the end of The Captive, as you will shortly read here.

I moved to Munich this month, which is also why the blog entries have been delayed for a while. It's been some time since I finished reading The Captive, yet there are some passages left to write about in this blog.

Monday, 25. September 2006

We are the world

Die Alten haben mit nicht geringerer Kraft die Menschengruppe geliebt, für die sie sich aufopferten, weil diese über die Grenzen ihres Stadtstaates nicht hinausreichte, noch die Menschen von heute ihr Vaterland, als einige eines Tages die Vereinigten Staaten der ganzen Erde lieben werden.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3183f

Man muss bedenken, dass dieser Satz im Jahr 1925 veröffentlicht ist und vor dem Jahr 1922 (dem Todesjahr Prousts) geschrieben worden sein muss, in einer Zeit, da ein trauriger Höhepunkt des Nationalismus, der Erste Weltkrieg, mit etwa 9 Millionen Opfern gerade erst vorbei war, ein anderer, der Zweite Weltkrieg, mit bis zu 60 Millionen Opfern, noch als dunkler Streif am Hoizont stand.

Es wäre uns allen zu wünschen, dass Prousts Vision, in der wir tatsächlich für die Menschheit insgesamt Liebe zu empfinden und Aufopferung aufzubringen bereit sind, sich baldigst weltweit durchsetzt -- ich habe das Gefühl, es könnte klappen, Sie auch?
The ancients were no less strongly attached to the group of humanity to which they devoted themselves because it did not exceed the limits of their city, nor are the men of to-day to their country than will be those who in the future love the United States of the World.
-- The Captive

You have to take into account that this sentence, published in 1925, must have been written before the 1922 (Proust's year of death), a time in which a sad peak of nationalism, WWI with 9 million victims, had just stopped, another, WW2 with up to 60 million victims, was still to come.

It would be desireable for all of us that Proust's vision, in that we really do feel attached to and devoted to mankind as a whole, should soon be accepted world wide -- I have the feeling it might work, you too?

Sunday, 24. September 2006

The answer my friend, is blowing in the wind

[Charlus:] "Es erstaunt mich in der gleichen Weise, als träfe ich jemanden, der Whistler gekannt hat und dennoch nicht weiß, was Geschmack ist."
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3156

Dies könnte ein kleiner Hinweis sein auf ein Wortspiel des Autors: es wird allgemein angenommen, dass Elstir für den tatsächlich existenten US-amerikanischen Maler James Whistler steht, auch weil die sechs letzten Buchstaben von Whistler tatsächlich Elstir ergeben (so wie manche behaupten, Albertine Simonet sei ein Querverweis auf den Maler Monet).

Tatsächlich haben einige Bilder Whistlers Elstirsche Qualitäten, doch sehen Sie selbst:


[Charlus:] "It surprises me as much as if I met a person who had known Whistler and remained ignorant of what is meant by taste."
-- The Captive

This could be a hint to a litte word-play the author has up his sleeve: it is widely accepted that Elstir is indeed the very real American painter James Whistler, also because the last six letters of Whistler form the name Elstir (the same way in which some people claim, Albertine Simonet presents a link to the painter Monet).

In fact, some of Whistler's paintings do have Elstir-like qualities, but see yourself by clicking on the thumbnails above.

Friday, 22. September 2006

Involuntary Idyll

An dem Lächeln [...] erkannte ich, dass Brichot [...] jenem unwirklichen Teil [des alten Salons] nachtrauerte [...]: ich meine jenen Teil nämlich, der sich von der äußeren Welt losgelöst hat, um eine Zuflucht in unserer Seele zu finden, die durch ihn einen Wertzuwachs erhält, wenn er sich mit ihrer sonstigen Substanz vermischt und sich [...] in jenen durchscheinenden Alabaster unserer Erinnerung verwandelt, dessen Farbton wir nicht vermitteln können.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3132f

Wie Brichot, dem alten Gelehrten, ging es mir kurz nachdem ich mit der Lektüre der Recherche begonnen hatte, als ich nach langer Abwesenheit wieder ins Dörfchen E. zurückkehrte, wo ich in meiner frühen Kindheit viele Wochenenden in der Ferienwohnung meiner Eltern verbracht hatte.

Es ist nicht, dass sich das Dörfchen so gefunden hätte, wie es einst gewesen war. Vieles war abgerissen, neu gebaut oder vielleicht noch da, aber doch meiner Erinnerung entschwunden.

Und doch - ich erkannte es wieder und der Eindruck war bleibend. Manchmal, wenn ein Weg sich durch Wiesen über eine Kuppe schlängelt ist es mir, als stünde ich über E. - ein Fall von unwillkürlicher Erinnerung?
From his smile [...] I understood that what Brichot, perhaps without realising it, preferred in the old room [...] was that unreal part, that part which has detached itself from the outer world, to take refuge in our soul, to which it gives a surplus value, in which it is assimilated to its normal substance, transforming itself [...] into that translucent alabaster of our memories, the colour of which we are incapable of displaying, since we alone see it.
-- The Captive

Like Brichot, the old scholar, I did feel shortly after starting to read the Recherche, when, after a long absence, I returned to the village of E., where during my early childhood I had spent many weekends in my parents' holiday home.

It is not that I would have found the village in the very state it had once been in. Much had been torn down or newly constructed or maybe it had been still there, yet lost from my memory.

Still - I did recognize it and the impression was permanent. Sometimes, when an errand meanders through meadows and over a knoll I feel like I stood above E. - a case of involuntary memory?

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