Tuesday, 21. November 2006

Sisyphe II

Manchmal fühlte ich [...], dass die Suche nach dem Glück in der Befriedigung des seelischen Verlangens ebenso naiv war wie das Unternehmen, den Horizont zu erreichen, indem man sich immer in derselben Richtung bewegt.
-- Die Entflohene, Bd. 6, S. 57 (ca. Bd. 9, S. 3365)

Was Proust hier anspricht, ist sicher eines der großen Dilemmata der menschlichen Natur. Wenn wir alle doch irgendwie wissen, dass eine Befriedigung dieser Art nie wirklich zu erreichen ist, was treibt uns dann dazu, sie doch immer wieder zu suchen?

Wussten Sie, dass die Berufsgruppe mit der höchsten Suizidrate nicht etwa Verwaltungsangestellte, Leuchtturmwärter oder Fäkaltaucher sind, sondern - ausgerechnet - Zahnärzte? Die Erklärung scheint zu sein, dass viele von ihnen eines Tages feststellen, dass eine vornehmlich aus finanziellen Gründen getroffene Berufswahl, ihr Weg zum Horizont, sie nie zufrieden sein lassen wird -- und das macht sie in manchen Fällen offensichtlich schrecklich unglücklich.

Voller östlicher Weisheit schreibt hierzu Ludwig Wittgenstein (TLP, 6.521): Die Lösung des Problems des Lebens erkennt man am Verschwinden des Problems.

Wie man das Problem der unstillbaren Bedürfnisse verschwinden lassen kann, hat er nicht geschrieben.
To seek happiness in the satisfaction of a moral desire was as fatuous as to attempt to reach the horizon by walking straight ahead.
-- The Fugitive

What Proust talks about here is one of the most serious dilemmas of human nature. If all of us somehow know, that a satisfaction of that kind will never really be reached - why then do we keep on striving for it?

Did you know, that the professional group with the highest suicide rate is not administration secretaries, light house keepers or faecal divers - but dentists? An explanation might be, that many of them one day have to find that their choice of profession - mostly taken for financial reasons - that their way to the horizon will never lead them to satisfaction. This obviosly makes some of them terribly unhappy.

In eastern wisdom Ludwig Wittgenstein writes (TLP, 6.521): The solution of the problem of life is seen in the vanishing of this problem.

Now he didn't write how you can make the problem of unsatisfiable desires vanish.

Sunday, 12. November 2006

Steppenwolf

So aber tauchte jeden Augenblick eines der zahllosen, bescheidenen Ichs auf, aus denen wir bestehen, ein Ich, das von Albertines Verschwinden noch nichts wusste, und dem ich erst davon Kunde zu geben genötigt war.
 -- Die Entflohene, Bd. 6, S. 26 (ca. Bd. 9, S. 3334)

Dieser Abschnitt zeigt die Zerfaserung der Persönlichkeit bei Proust aus einem anderen Blickwinkel: nicht die anderen sind es hier, deren verschiedene Realitäten nicht miteinander in Einklang zu bringen scheinen, der Erzähler selbst löst sich im Schockzustand nach Albertines "Flucht" auf in einzelne Persönlichkeiten, deren jede neu von der Abwesenheit der Freundin heimgesucht wird.

Das mag fast klingen wie das Traktat aus dem Steppenwolf -- das Bewusstwerden der Vielgespaltenheit der eigenen Persönlichkeit. Tatsächlich scheint mir Prousts Vorgehensweise nicht abwegig -- wenn eine drastische Veränderung unser Leben umkrempelt, bekommen wir das in jeder Facette unserer Realität erneut zu spüren.
And thus, at every moment there was one more of those innumerable and humble ‘selves’ that compose our personality which was still unaware of Albertine’s departure and must be informed of it.
 -- The Captive

This passage once again shows Proust concept of the nature of the 'self', yet from another perspective: it's not other characters, whose divergent realities are not to be combined into one, it's the narrator himself who dissolves into disjoint parts, each of which is haunted by Albertine's absence individually.

This comes quite close to the tract from Hesse's Steppenwolf -- the acknowledgement of the split nature of one's own personality. In fact Proust approach seems quite plausible to me -- whenever an abrupt change shatters our lives, we feel it in every part of our reality.

Wednesday, 8. November 2006

Aristoteles

Gleichzeitig aber rechnete ich mir aus, ob noch genügend Zeit verbleibe, um heute morgen noch die Jacht und den Rolls Royce zu bestellen, die Albertine sich wünschte
-- Die Entflohene, Bd. 6, S. 12 (ca. Bd. 9, S. 3320)

Ein sehr reicher Mann hat einmal gesagt, dass wenn es keine Frauen gäbe, alles Geld der Welt keinen Wert hätte. Dieser Mann hieß Aristoteles, aber auch Homer und Sokrates. Mit Nachnamen hieß er Onassis und war - gelinde gesagt - Eigner einiger Schiffe.

Proust - oder besser der Erzähler - nimmt offensichtlich einen ähnlichen Standpunkt ein, wenn er hier ganz offen darüber sinniert, ob sich durch Aufwendung eines erheblichen Teiles seines Vermögens Albertine vielleicht zurückgewinnen ließe.

Allein ich glaube kaum, dass das funktionieren würde. Und so hat alles Geld der Welt manchmal trotzdem keinen Wert.

Leider kann ich die kontinuierliche Seitennummerierung aus der 10bändigen Ausgabe nicht durchhalten, weil mir Die Entflohene nur in der 7bändigen Ausgabe vorliegt. Zu dieser also jetzt die genauen Angaben, die der 10bändigen Ausgabe werde ich abschätzen.
And, at the same time, I calculated whether I had time to go out that morning and order the yacht and the Rolls-Royce which she coveted.
-- The Fugitive

A particularily rich man has once said, that if women didn't exist, all the money in the world would have no meaning. His name was Aristotle, but also Homer and Socrates. His last name, though, was Onassis and he was - to put it mildly - owner of a few ships.

Proust - or rather the narrator - obviously takes quite a similar point when he openly discusses whether he could win Albertine back using a significant portion of his fortune.

Yet I don't really believe this would work -- sometimes all the money in the world still has no meaning.

Thursday, 2. November 2006

Release

Das heutige Zitat beschreibt das Ende Der Gefangenen. Unser Erzähler hat endgültig den festen Entschluss gefasst, Albertine zu verlassen und sich seinen Kindheitstraum einer Reise nach Venedig zu erfüllen. Doch die Situation spitzt sich, wie bei Proust üblich, in den letzten Zeilen nochmals verhängnisvoll zu:

Françoise, die mein Schellen gehört hatte, trat ein: "Es war mir sehr arg, erklärte sie mir, dass Monsieur heute so spät erst geschellt hat. Ich wusste gar nicht, was ich machen soll. Früh um acht Uhr hat Mademoiselle Albertine von mir ihre Koffer verlangt; [...] Sie hat mir diesen Brief für Monsieur gegeben, und um neun Uhr ist sie fort."
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3308

Immer hatte ich den Eindruck, von den letzten Seiten eines der Bände unwiderstehlich in den folgenden weitergetrieben zu werden. So auch diesmal. Die Entflohene liegt bereit auf meinem Schreibtisch --
Today's quote is the last passage of The Captive. The narrator has come to the final decision to leave Albertine and make a dream come true by travelling to the city of Venice. Yet the situation, as it always does with Proust on the last lines, makes a fatal turn:

Françoise having heard my ring came into the room, in considerable uneasiness as to how I would receive what she had to say and what she had done. “It has been most awkward,” she said to me, “that Monsieur is so late in ringing this morning. I didn’t know what I ought to do. This morning at eight o’clock Mademoiselle Albertine asked me for her trunks; [...] She left this letter with me for Monsieur, and at nine o’clock off she went.”
-- The Captive

I always had the impression to be irresistably led from the last pages of one volume to the first pages of the next. It's not different this time. The Fugitive is lying on my desk and ready to be read --

Tuesday, 31. October 2006

Entry to the All-England Summarize Proust Competition

So kam nichts in so hohem Maße wie ein schönes Thema bei Vinteuil dem so unverkennbar eigenen Vergnügen gleich, das ich ein paarmal in meinem Leben verspürt hatte, zum Beispiel vor den Kirchtürmen von Martinville, oder jenen Bäumen an einer Landstraße bei Balbec, oder noch einfacher zu Anfang dieses Werkes beim Trinken einer Tasse Tee.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3255f

In einem bekannten Sketch von Monty Python wird eine Fernsehshow nachgestellt, in der drei Kandidaten vergeblich versuchen die vorgegebene Aufgabe zu lösen: eine Zusammenfassung der Recherche in 15 Sekunden. Das Ergebnis ist ernüchternd:

show master: Well Ladies and Gentlemen, I don't think any of our contestants this evening have succeeded in encapsulating the intricacies of Proust's masterwork, so I'm going to award the first prize this evening to the girl with the biggest tits.
(Applause and music. A lady with enormous knockers comes on to the side of the stage.)

Ich hätte es, glaube ich, mit der obigen Passage versucht. Sprechen Sie es einmal in 15 Sekunden --
Thus nothing resembled more closely than some such phrase of Vinteuil the peculiar pleasure which I had felt at certain moments in my life, when gazing, for instance, at the steeples of Martinville, or at certain trees along a road near Balbec, or, more simply, in the first part of this book, when I tasted a certain cup of tea.
-- The Captive

In an infamous Monty Python sketch a tv show is re-enacted, in which three candidates try to summarize the Recherche in 15 seconds - to no avail:

show master: Well Ladies and Gentlemen, I don't think any of our contestants this evening have succeeded in encapsulating the intricacies of Proust's masterwork, so I'm going to award the first prize this evening to the girl with the biggest tits.
(Applause and music. A lady with enormous knockers comes on to the side of the stage.)

I think I would have tried with the passage above. Just try and read it in 15 seconds --

Sunday, 29. October 2006

Unzensiert

Die Damen wurden enge Freundinnen, sie fuhren zusammen aus, wobei die eine Männerkleidung trug, kleine Mädchen auftrieb und sie der anderen brachte, die sodann sie einzuweihen übernahm. Die andere hatte einen kleinen Jungen, mit dessen Betragen sie vorgeblich unzufrieden war und den sie von ihrer Freundin züchtigen ließ, wobei diese sich nicht ohne Energie an ihre Aufgabe machte. Man kann nicht behaupten, dass es keinen noch so öffentlichen Ort gab, an dem sie nicht taten, was sonst das Allergeheimste ist.
 -- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3224

Ich muss zugeben, ich freue mich schon auf die vielen verirrten Suchergebnisse, die mir diese Passage einbringt.

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Offenheit Proust hier über Homosexualität, Travestie, Pädophilie, Spanking-Fetischismus und Exhibitionismus schreibt. Man lese mal deutsche Literatur aus der gleichen Zeit und die Diskussionen, die über weitaus kleinere Tabubrüche entstanden sind. Dabei ist doch Sodom und Gomorra schon längst vorbei...
They became great friends, used to go about together, one of them, dressed as a man, picking up little girls and taking them to the other, initiating them. One of them had a little boy who, she pretended, was troublesome, and handed him over for punishment to her friend, who set to work with a strong arm. One may say that there was no place, however public, in which they did not do what is most secret.
 -- The Captive

I am looking forward to, I must admit, the erroneous search results that this passage will bring.

It's actually amazing how frankly Proust writes about homosexuality, travesty, spanking-fetishism and exhibitionism. Just read contemporary German literature and the discussions brought about by breaking less heavy taboos. I though the Cities of the Plain had ended some hundred pages ago...

Friday, 27. October 2006

Homo homini...

Meine Sklaverei, die mir noch bewusst war, als ich dem Kutscher die Adresse Brichots gegeben hatte und das Licht im Fenster sah, drückte mich gleich darauf nicht mehr, als ich bemerkte, dass Albertine die ihre so grausam zu empfinden schien. Damit sie weniger schwer auf ihr lastete und sie nicht auf den Gedanken brächte, sie von sich aus zu durchbrechen, war mir als das Geschickteste erschienen, in ihr den Eindruck zu erwecken, dieser Zustand sei nicht definitiv und ich selbst habe vor, ihm ein Ende zu bereiten
 -- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3221

Es scheint schon etwas übertrieben pessimistisch, was Proust hier schreibt. Nicht nur ist es er, der Albertine als Gefangene hält, es ist auch Albertine, die ihn in ähnlicher Weise quält. Und der Ausweg aus dieser Situation ist auch nur ein schmerzhafter.

Die Sache ist: falls Sie jetzt glauben, dass sie sich auf diese Weise endgültig trennen werden, dass diese Passage der Grund ist, warum der nächste Teil des Romanzyklus den Namen Die Entflohene trägt - dann liegen Sie falsch. Proust hat auch in Die Gefangene - wie immer - ein höchst spannendes und überraschendes Ende auf Lager, wovon Sie bald an dieser Stelle lesen werden.

Ich bin zum Anfang des Monats nach München umgezogen, weshalb sich die Blog-Einträge etwas verzögert haben. Die Gefangene habe ich schon einige Zeit abgeschlossen, es sind aber noch ein paar Stellen, zu denen ich hier noch Einträge veröffentlichen werde. Im Moment bin ich auf der Suche nach einer Ausgabe in 10 Bänden in einer der Münchner Bibliotheken, was schwieriger ist, als man meinen möchte (bisher habe ich nur die in 7 und die in 13 Bänden gefunden, zudem mit ziemlich leserunfreundlichen Fristverlängerungsregeln und OPAC-Systemen). Vielleicht finde ich ja doch noch eine, damit die Seitenzahlen fortlaufend bleiben.
My serfdom, of which I had already been conscious when, as I gave the driver Brichot’s address, I caught sight of the light in her window, had ceased to weigh upon me shortly afterwards, when I saw that Albertine appeared so cruelly conscious of her own. And in order that it might seem to her less burdensome, that she might not decide to break her bonds of her own accord, I had felt that the most effective plan was to give her the impression that it would not be permanent and that I myself was looking forward to its termination.
 -- The Captive

It does seem a little overstrained what Proust writes here. Not only does he keep Albertine as a de-facto captive, it is also Albertine who imposes similar torment on him. And the only way of getting out of that situation is yet again painful.

The point is: if you think this is how they finally part, this episode is what caused the title of the next part of the novel to be The Fugitive - you are indeed wrong. Proust will - as he always does - have a most enthralling show-down at the end of The Captive, as you will shortly read here.

I moved to Munich this month, which is also why the blog entries have been delayed for a while. It's been some time since I finished reading The Captive, yet there are some passages left to write about in this blog.

Monday, 25. September 2006

We are the world

Die Alten haben mit nicht geringerer Kraft die Menschengruppe geliebt, für die sie sich aufopferten, weil diese über die Grenzen ihres Stadtstaates nicht hinausreichte, noch die Menschen von heute ihr Vaterland, als einige eines Tages die Vereinigten Staaten der ganzen Erde lieben werden.
-- Die Gefangene, Bd. 8, S. 3183f

Man muss bedenken, dass dieser Satz im Jahr 1925 veröffentlicht ist und vor dem Jahr 1922 (dem Todesjahr Prousts) geschrieben worden sein muss, in einer Zeit, da ein trauriger Höhepunkt des Nationalismus, der Erste Weltkrieg, mit etwa 9 Millionen Opfern gerade erst vorbei war, ein anderer, der Zweite Weltkrieg, mit bis zu 60 Millionen Opfern, noch als dunkler Streif am Hoizont stand.

Es wäre uns allen zu wünschen, dass Prousts Vision, in der wir tatsächlich für die Menschheit insgesamt Liebe zu empfinden und Aufopferung aufzubringen bereit sind, sich baldigst weltweit durchsetzt -- ich habe das Gefühl, es könnte klappen, Sie auch?
The ancients were no less strongly attached to the group of humanity to which they devoted themselves because it did not exceed the limits of their city, nor are the men of to-day to their country than will be those who in the future love the United States of the World.
-- The Captive

You have to take into account that this sentence, published in 1925, must have been written before the 1922 (Proust's year of death), a time in which a sad peak of nationalism, WWI with 9 million victims, had just stopped, another, WW2 with up to 60 million victims, was still to come.

It would be desireable for all of us that Proust's vision, in that we really do feel attached to and devoted to mankind as a whole, should soon be accepted world wide -- I have the feeling it might work, you too?

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