Monday, 15. October 2007

Reich mir die Hand, mein Leben

Heute nur ein typisch Proust'sches schönes, trauriges Zitat über die Liebe zu Albertine, die Liebe zum Leben und die Vergänglichkeit beider:

Mein Verlangen, durch den Tod nicht von mir selbst getrennt zu werden, das heißt nach dem Tode wieder aufzuerstehen, war nicht wie das Verlangen, nie von Albertine getrennt zu werden, sondern hielt beständig an. Lag das wohl daran, dass ich mich für kostbarer hielt als sie [...] ? Nein, sondern es kam daher, dass [...] das tägliche Band zu mir selbst nicht zerrissen war wie das, welches mich an Albertine geknüpft hatte. Aber wenn die, die mich mit meinem Körper verbanden, es nun ebenfalls wären...? Sicher würde es mit ihnen genauso sein. Unsere Liebe zum Leben ist nur eine alte Liaison, von der wir nicht loskommen können. Ihre Kraft beruht auf ihrer Beständigkeit, aber der Tod, der sie zerstört, wird uns auch von dem Verlangen nach Unsterblichkeit heilen.
-- Die Entflohene, Bd. 3/3, S. 3633f

Die ewige Liebe und das ewige Leben als analoge Illusionen? Oh je...
Today just a very Proustian quote about loving life, loving Albertine and how both these romances have to come to an end:

But my desire not to be parted from myself by death, to rise again after my death, this desire was not like the desire never to be parted from Albertine, it still persisted. Was this due to the fact that I valued myself more highly than her [...] ? No, it was because [...] my everyday attachments to myself had not been severed like my attachments to Albertine. But if the attachments to my body, to my self were severed also...? Obviously, it would be the same. Our love of life is only an old connexion of which we do not know how to rid ourself. Its strength lies in its permanence. But death which severs it will cure us of the desire for immortality.
-- The Fugitive

Eternal love and eternal life not more than analoguous illusions? Oh, well...

Sunday, 14. October 2007

Telegramm aus dem Jenseits

Zurück im Hotel in Venedig erhält Marcel vom Portier ein Telegramm:

Ich öffnete es, sobald ich in meinem Zimmer war, und beim ersten Blick auf den aus schlecht wiedergegebenen Wörtern bestehenden Text vermochte ich immerhin herauszulesen: "Lieber Freund, die Totgeglaubte - entschuldigen Sie - ist noch sehr lebendig und wünscht ein Wiedersehen, um über Heirat zu sprechen, wann Rückkehr. Alles Liebe Albertine."
-- Die Entflohene, Bd. 3/3, S. 3629

Und wir fragen uns, wobei wir nicht unangemessen ordinär klingen wollen: was zum Teufel? Denn die gute Albertine war ja schon einigermaßen ungewöhnlich von uns geschieden.

Tatsächlich ist das Telegramm für Marcel ein endgültiger Grund, Albertine aufzuhören zu lieben, wie er auf den folgenden Seiten beschreibt. Er versucht es sogar, dem Portier als falsch zugestellt zurückzugeben, was dieser verweigert.

Die Frage, die sich natürlich stellt: was ist passiert? Falls Sie es wissen, wissen Sie es. Falls nicht: ich verrate es nicht. Noch nicht. Bleiben Sie dran :-P
Back in the hotel in Venice the porter hands Marcel a telegram:

I opened it as soon as I was in my own room, and, as I cast my eye over the sheet covered with inaccurately transmitted words, managed nevertheless to make out: "My dear, you think me dead, forgive me, I am quite alive, should like to see you, talk about marriage, when do you return? Love. Albertine."
-- The Fugitive

And we have to question, without sounding too vulgar: what the hell? Mademoiselle Albertine, as we recall, had passed away in a most unorthodox manner.

In fact Marcel finds on the following pages how this telegram is a reason to finally stop loving Albertine. He even tries to hand it back to the porter, explaining that it had been brought to him by mistake, but the porter rejects it.

The question obviously is: what has happened? If you know it, you know it. If you don't: I won't tell. Not yet. Stay tuned :-P

Monday, 8. October 2007

Der Tod in Venedig

Marcel kommt nach Venedig, wo er wie auf den nächsten Seiten beschrieben Albertine in einer Weise endgültig vergessen wird, die den Vergleich mit dem Tod seiner Vorstellung von ihr rechtfertigt.

Das Zitat aber, dass ich hier bemerkenswert fand, ist der letzte Satz vor der Episode in Venedig:

Die Wahrheit und das Leben sind beide sehr schwer zu bewältigen, und ich behielt von ihnen, ohne dass ich sie alles in allem kannte, einen Eindruck zurück, bei dem vielleicht Müdigkeit noch die Trauer überwog.
-- Die Entflohene, Bd. 3/3, S. 3603

Sehr schön, sehr traurig.
Marcel visits Venice, where he will - as he describes on the following pages - forget Albertine definitely, in a way that justifies the comparison to the ultimate death of Albertine's picture he has in mind.

The quote I found remarkable here, though, is the last sentence before the Venice episode begins:

Truth and life are very arduous, and there remained to me from them, without my really knowing them, an impression in which sorrow was perhaps actually dominated by exhaustion.
-- The Fugitive

Utterly beautiful, utterly sad.

Tuesday, 11. September 2007

Unbestimmtheitsrelation

Marcel denkt nach über den einstigen Wunsch Albertines, die Abendgesellschaft bei Verdurins zu besuchen, bei der auch Madmoiselle Vinteuil zugegen sein sollte, und darüber, wie sehr er diesen Wunsch fehlinterpretiert haben mag:

Wenn man aber in dieser Weise eine Tatsache in der Hand hält, entziehen sich doch die anderen, von denen man stets nur einen äußeren Anschein wahrgenommen hat, und wir sehen nichts als unscharf umrissene Silhouetten an uns vorüberziehen, von denen wir sagen, sie bedeuteten dies oder das, es geschehe alles wegen dieser oder jener Person.
-- Die Entflohene, Bd. 3/3, S. 3600

Vermutlich kommt das von einer Überdosis theoretischer Physik, aber für mich klingt das verdammt nach Heisenberg.

In den Jahren 1925-1927, also kurz nach Prousts Tod, formulierte Werner Heisenberg (dessen Wohnhaus in München übrigens 10 Gehminuten von meiner Wohnung entfernt liegt) seine Unschärferelation. In einem quantenmechanischen System gibt es Zustandsgrößen, die man nie gleichzeitig und genau messen kann, so z.B. Ort und Geschwindigkeit eines Teilchens, genau wie Marcel alle Facetten von Albertines Verhalten nie zugleich verstehen kann. Dies bedeutet aber, dass ihre wirklichen Beweggründe (sofern wir von so etwas sprechen wollen) gerade wie der "wirklichen" Zustand des Teilchens sich außerhalb dessen befinden, was wir auch nur möglichweise wissen könnten - alles, was wir darüber sagen können, ist genauso ein Produkt unserer Messung und unserer Fragen, unseres Ansatzes, unserer Theorie und unserer Interpretation. Indem wir sie messen, indem wir Nachforschungen anstellen, indem wir darüber nachdenken, fallen die "Silhouetten" wie die "Wellenpakete" in eine diskrete Vorstellung zusammen - ohne dass wir behaupten könnten, dies sei das "wirkliche" Objekt, der sichere Beweggrund, den unsere Albertine gehabt haben müsse. Oder, wie Heisenberg es in einer Vorlesung einmal formulierte:

We have to remember that what we observe is not nature herself, but nature exposed to our method of questioning.
-- Physics and Philosophy: The Revolution in Modern Science (1958)

Ich persönlich finde das fabelhaft und wünschte, Heisenberg hätte einmal Proust gelesen.
Marcel is thinking of Albertine's former wish of going to a soiree at Verdurins', at which Madmoiselle Vinteuil was supposed to also be present, and of how much he might have misinterpreted that wish:

But then even if we do manage to grasp one fact like this, there are others which we perceive only in their outward appearance, for the reverse of the tapestry, the real side of the action, of the intrigue,—as well as that of the intellect, of the heart—is hidden from us and we see pass before us only flat silhouettes of which we say to ourselves: it is this, it is that; it is on her account, or on some one’s else.
-- The Fugitive

This is probably a symptom of doing too much theoretical physics, but for me that sounds pretty much like Heisenberg.

In the years 1925-1927, shorlty after Prousts death, Werner Heisenberg (whose former home in Munich is only a 10 minutes walk from mine) the Uncertainty principle. In a quantum system there are state variables that can never be mesured exactly at the same instant, as for example position and velocity of a particle, just as Marcel is unable to at the same time understand all facets of Albertines behaviour. But this means, that her real motivation (if we want to speak of such a thing) is just as much outside of the things we could possibly know as the "real" state of the particle - all we could say about it is just as much a result of our measurement and our questioning, our approach, our theory and our interpretation. By measuring them, by making inquiries about them, by merely thinking about them, these "silhouettes" or "wave packets" collaps into discrete ideas - without making it possible to say those ideas were the "real" object, the one and only motivation our Albertine must have had. Or, as Heisenberg once put it in a lecture:

We have to remember that what we observe is not nature herself, but nature exposed to our method of questioning.
-- Physics and Philosophy: The Revolution in Modern Science (1958)

I personally think this is fabulous and I wish Heisenberg had actually read Proust.

Sunday, 9. September 2007

Debating

Es gibt keine Idee, die nicht die Möglichkeit einer Widerlegung, kein Wort, das nicht sein Gegenwort in sich trägt.
 -- Die Entflohene, Bd. 3/3, S. 3574

Bei einem alten Debattierer wie mir fällt ein solcher Aphorismus natürlich auf fruchtbaren Boden. Es ist manchmal fast schon erschreckend, wir gut und einem selbst einleuchtend man für eine Sache argumentieren kann, der man nach eigenem Empfinden nie zuzustimmen zu können glaubt.

In gewisser Weise ist das Bewusstwerden dieser unvermeidlichen Ambivalenz sogar ein weiteres Symptom des Proust'schen Persönlichkeitsproblems: nicht nur sind wir einer klaren Verbindung zu unserem vergangenen und zukünftigem Selbst beraubt, wir können sogar eine Meinung, die wir für absolut nicht unsere Halten, ganz natürlich verstehen und nachvollziehen. Ja haben wir denn dann überhaupt noch eine?
There is no idea that does not carry in itself a possible refutation, no word that does not imply its opposite.
 -- The Fugitive

With an old-school debater like me, that aphorism obviously does resonate. It's sometimes close to scary, how easily, well and persuasively even to yourself you can support a cause that you would think you could never agree to.

In some way, becoming conscious of this sort of inevitable ambivalence is yet another symptom of Proust's problem of the individual: not only are we devoid of a clear connection to our former and future self, we even can understand and support an opinion, which we would never actually take as ours, quite naturally. After all, do we even have one?

Saturday, 8. September 2007

Der kleine Unterschied

"O ja, aber Sie sind ein Mann. Daher können wir auch nicht ganz die gleichen Dinge tun, die ich mit Albertine vorgenommen habe."
 -- Die Entflohene, Bd. 3/3, S. 3570

So sprach Andrée, offensichtlich mehr als nur eine Freundin der Verstorbenen, die vor Monaten noch jede körperliche Beziehung zu Albertine geleugnet hatte.

Man kann nicht sagen, sie wären nicht alle recht schnell über Fräulein Simonet hinweggekommen. Aber gerade an dieser Stelle scheinen Sie sich auch ganz gut gegenseitig zu trösten...
"Ah! yes, but you are a man. And so we can’t do quite the same things as I used to do with Albertine."
 -- The Fugitive

quoth Andrée, most obviously quite a bit more than just a friend of the deceased, who had denied having had any physical relationship to Albertine only months ago.

You can't say they haven't gotten over Madmoiselle Simonet quickly. And especially at this point they seem to be each other's solace in so many ways.

Friday, 7. September 2007

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Und da es in den neuen, noch nicht durchmessenen Räumen, die sich vor mir dehnten, ebensowenig noch Spuren meiner Liebe zu Albertine geben würde wie in den verlorenen Zeiten, die ich soeben durchschritten hatte, solche der Liebe zu meiner Großmutter, woraus sich dann eine Folge von Perioden ergab, bei denen nach einer gewissen Pause nicht von dem, was die vorhergehende stützte, in der folgenden mehr vorhanden war, erschien mir mein Leben wie etwas, dem der Zusammenhalt durch ein in seiner Identität fortbestehendes individuelles Ich in einem Maße abging, etwas das so ziellos in der Zukunft und so ausgedehnt in der Vergangenheit war, etwas, das der Tod so leichthin hier oder dort abbrechen konnte, ohne es irgendwie zu vollenden [...].
-- Die Entflohene, Bd. 3/3, S. 3562f

Jene Stelle ist, so glaube ich, die erste, an der Proust den Charakter der verlorenen Zeit beim Namen nennt.

Diese Philosophie der menschlichen Existenz ist schon sehr bedrückend, und doch nicht leicht von der Hand zu weisen. In vielen Facetten meines Lebens muss ich auch feststellen, wie wenig Zusammenhang noch besteht zu Dingen, die einstmals so wichtig für mein damaliges Ich gewesen sein mussten -- und schon spricht man von einem damaligen Ich genau wie Proust, als sei die Kontinuität der eigenen Existenz nichts als eine Illusion.

Wie entrinnen wir diesem Dilemma?
And as in the fresh spaces, as yet unexplored, which extended before me, there would be no more trace of my love for Albertine than there had been, in the time past which I had just traversed, of my love for my grandmother, my life appeared to me—offering a succession of periods in which, after a certain interval, nothing of what had sustained the previous period survived in that which followed—as something so devoid of the support of an individual, identical and permanent self, something so useless in the future and so protracted in the past, that death might just as well put an end to its course here or there, without in the least concluding it [...].
-- The Fugitive

That passage is, I believe, the first in which Proust explicitly descibes the nature of lost time.

This philosophy of human existence is quite depressing, in fact, and still not easy to put away with. In many facets of my life I do have to recognize as well, how little connection there remains to things that must have been so important for a former self -- and here, already, one is talking about his former self just as Proust does, as though the continuity of one's one existence was nothing but an illusion.

Now how do we get out of that?

Sunday, 20. May 2007

Individuum a posteriori

Was wie ein etwas hochgestochener Begriff aus dem Werk eines Philosophen mit Hang zur Altphilologie klingt, ist was Proust an seinen Erinnerungen an die tote Albertine entdeckt:

Die Idee ihrer Einzigartigkeit war nicht ein metaphysisches "A priori", das ich aus dem schöpfte, was an Albertine individuelles war, [...] sondern ein "A posteriori", das sich aus der bedingten, aber unlösbaren Verkettung meiner Erinnerungen ergab.
-- Die Entflohene, Bd. 3/3, S. 3510

Das aber bedeutet die Aberkennung jeder individuellen Bedeutung ohne den Betrachter, der diese erst subjektiv verleiht. Das ist weniger die Frage nach dem Geräusch des umfallenden Baumes, den keiner hört als vielmehr ein Plädoyer für den Idealismus -- Bedeutung, Wichtigkeit, Substanz ist nicht den Dingen innewohnend, sie wird ihnen durch uns verliehen.

Zu dumm nur, dass einmal verliehene Bedeutung Marcel nun so viele Leiden bereiten muss -- denn die Albertine zu seinen Vorstellungen ist nicht mehr.
What sounds like a rather sophisticated term from the works of a philosopher bound to classical philology is in fact a thing Proust discovers in his memories of long-since-dead Albertine:

The idea of her uniqueness was no longer a metaphysical "a priori" based upon what was individual in Albertine, [...] but an "a posteriori" created by the contingent and indissoluble overlapping of my memories.
-- The Fugitive

This does mean the denial of individual meaning without the subject that imparts it. It's less the question about the sound of the falling tree nobody hears as a case for idealism -- meaning, importance, substance is not inherent to things, it's granted to them by us who percieve them.

Too bad the meaning once imparted now causes Marcel so much pain -- because the Albertine that matches his imagination is no more.

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